schreibt Fantasy

Leseprobe »Rond«: Kapitel 1 – Kerker

© by Michael Knabe
© by Hybrid Verlag, Homburg
Umschlaggestaltung: © 2023 by Andrea Gunschera
Lektorat: Stefanie Maurer
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Paul Lung


Winzige Füße trippelten in der Dunkelheit über Ronds Bein. Das Gefühl der kalten und glatten Sohlen bildete einen seltsamen Gegensatz zu den Krallen, die sich in seine Haut bohrten. Er atmete flach und unterdrückte den Impuls, sie mit dem anderen Fuß wegzuwischen.

Die Ratte schnüffelte an seinem Schienbein. Ihre Schnurrhaare kitzelten und er musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht weg zu zucken. Unendlich langsam hob er die Hand und wartete auf den Moment, in dem er zupacken konnte.
Jedes Mal, wenn er still lag, wagte sich die Ratte ein Stück weiter vor. Irgendwann würde sie ihn im Schlaf erwischen und anfressen. Er hatte Gefangene gesehen, deren Rattenbisse sich entzündeten, bis die schwärenden Wunden den Körper vergifteten. So musste er selbst das Raubtier sein und sie erschlagen, bevor sie ihm den Tod brachte. Sein Herzschlag verlangsamte sich. Er war der Fuchs im Gebüsch, der Wolf vor dem Sprung in den Nacken der Beute.
Jagdzeit.

Ein Knall ließ die Stille zersplittern. Die Tür zum Zellentrakt öffnete sich und ein Lichtstrahl durchschnitt das Dunkel. Mit einem Quietschen verschwand die Ratte in einem Mauerspalt.
Verdammt! Warum kamen die Wachen ausgerechnet dann, wenn endlich mal etwas passierte? Am liebsten hätte er mit der Faust auf den Felsboden geschlagen, aber der war mit fauligem Stroh und Scheiße bedeckt.

Allmählich kam Leben in die übrigen Zellen. Der Verrückte weiter hinten begann die nächste Strophe seines Klagegeheuls, bis ein dumpfer Schlag ihn verstummen ließ.
»Weg von den Türen!«
Unterdrücktes Ächzen aus den Nachbarzellen verriet Rond, dass die Gefangenen um die besten Plätze an der Tür kämpften. Wer vorn saß, bekam die größte Ration, die übrigen konnten sehen, wie sie überlebten. Wenn sie überlebten.

Rond blieb sitzen. Er hauste in einer eigenen Zelle und bekam genug zu fressen, so wie alle zum Tode Verurteilten im Palastkerker von Mis Manôr, damit der Strick um den Hals sich beim Hängen auch schön zuzog. Dabei wartete der Tod auf jeden, der hier einsaß. Am Galgen baumeln oder von Ratten gefressen werden, so sah es aus.
Fackelschein irrlichterte durch das Gitter und zeichnete bizarre Schatten an die Wand. Der Duft nach Brot drang in Ronds Nase und überdeckte den Gestank der Zelle.
Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Echtes Brot!
Er verbannte die Gier und verstaute sie tief in seinem Inneren. Brot gab es nur, wenn sie jemanden holten, so wie Gald vor einigen Tagen. Solange die Gefangenen sich um Futter balgten, machten sie den Wächtern keine Probleme. Vermutlich hatte sein Zellennachbar am Strick gebaumelt, noch ehe die Brotrinden in den Mägen der Gefangenen verschwunden waren.
Wen würden sie heute mitnehmen?

Die Schritte stoppten vor seiner Zellentür. Der Schlüssel klapperte im Schloss und ein schwerer Bolzen schabte in seiner Halterung.
Ein Blitz purer Panik schoss Rond durch die Adern und nagelte ihn auf dem Boden der Zelle fest. Sein Atem ging gehetzt und kalter Schweiß brach ihm aus allen Poren. Alles in ihm schrie, davonzulaufen wie die Ratte und sich zu verstecken. Zu keinem klaren Gedanken fähig kauerte er sich an der Rückwand des Verlieses zusammen.
»Schön sitzenbleiben, Freundchen. Keine falsche Bewegung!«

Das Licht biss in den Augen, eine ganz eigene Form der Folter nach Stunden der Dunkelheit. Die Fackelträger nahmen zu beiden Seiten der Tür Aufstellung und behielten die Hand am Schwertgriff, zwei weitere Wachen stellten sich mit blanken Waffen neben ihnen auf.
Jeder Muskel in Rond spannte sich an. Die Panik verschwand so rasch, wie sie gekommen war, und wich einer eiskalten, konzentrierten Aufmerksamkeit. Mit den Zehen suchte er auf dem glitschigen Boden nach einem Halt für den Sprung auf die Wachen.
Es lief immer gleich ab. Zwei, vielleicht auch vier Soldaten würden ihn festhalten, ein weiterer die Fußeisen öffnen. Zusätzliche Wachen würden mit gezogenen Waffen auf dem Gang warten, falls er Schwierigkeiten machte. Und beim stinkenden Arsch der Götter, das würde er! Lieber hier unten in der Scheiße sterben als zur Belustigung der Menge am Galgenseil tanzen. Lieber Stahl schmecken als Rattenzähne. Hier kam er ohnehin nicht mehr lebendig hinaus.

»Auf den Boden!«
Das hätten sie wohl gern, dass er sich in der Scheiße suhlte! Er verharrte reglos in der Hocke. Jede Nacht kletterte er an den Rissen und Vorsprüngen der Kerkerwand bis zur Gewölbedecke empor, um Arme und Beine kräftig zu halten. Alles für diesen Tag, für diesen Moment.

»Wird’s bald?« Einer der Soldaten trat drohend auf ihn zu.
»Wartet!«

Ein weiterer Soldat betrat die Zelle — halt, kein Soldat. Seine lächerlich weit geschnittene Pluderhose wallte um die Beine wie der Mantel eines Königs. Die Ziernähte, die ein kompliziertes Muster auf seiner Tunika bildeten, schienen aus echten Silberfäden zu bestehen und auch die Hose glitzerte im Schein der Fackeln. Er trug keine richtigen Schuhe, eher fein gesponnene Fußlappen mit Sohlen, die beim ersten Regen in Fetzen fallen würden. Ansonsten war alles, was er trug, schwarz wie der Tod.

»Das ist er?«
Die Stimme klang fremdländisch. Ein Levany? Nein, eher einer der feinen Herren vom Königshof, die mit einem Obstmesser am Gürtel herumliefen und glaubten, zwei Finger Stahl machten sie zu Helden.
Der würde sich wundern.

Der Fremde näherte sich der unauffälligen Markierung, die Rond anzeigte, wie weit seine Hände reichten. »Ihr seid Meister Rond? Ich muss mit Euch reden.«

Rond riss die Arme nach vorn und sprang mit einem Satz auf den Fremden zu wie ein Raubtier, das die Krallen in seine Beute schlug.

Die Eisen schnitten in seine Fußgelenke und stoppten ihn mitten im Flug. Keine Handbreit vor dem Fremden knallte er so hart auf den Steinboden, dass ihm der Aufprall die Luft aus den Lungen trieb. Er kratzte mit den Fingernägeln über den Fels im verzweifelten Versuch, wenigstens die Fußgelenke des Fremden zu erwischen, der genau außerhalb seiner Reichweite stand.
Verrechnet.

Mit einer Handbewegung hielt der Mann die Wachen zurück, die sich auf Rond stürzen wollten, und hockte sich hin. »Kann ich vor Eurem nächsten Mordversuch kurz mit Euch sprechen?«
»Geh bei der Wache heulen!« Rond rappelte sich auf und begutachtete seine Fußgelenke, wo das Eisen die Haut abgeschürft hatte. Heute Nacht würde die Ratte das Blut riechen.

Die Soldaten drängelten sich am Eingang, als könnten sie es kaum erwarten, ihn für seine Frechheit zu bestrafen. Sobald der Mann gegangen war, würden sie ihm jedes seiner Worte mit der Stiefelspitze in die Rippen stempeln.
Aber etwas stimmte hier nicht. Ein Höfling würde sich wohl kaum dazu herablassen, den stinkenden Katakomben unter dem Palast von Mis Manôr einen Besuch abzustatten.

Der Mann in Schwarz schien seine Gedanken zu erraten. »Ob Ihr es glaubt oder nicht, ich brauche Eure Hilfe.«
Ronds Lachen klang wie ein Grunzen. »Soll ich dir den Schwanz beim Pissen halten?«
Ein solcher Satz allein würde für eine Auspeitschung reichen.
Der Schwarzgekleidete zog lediglich eine Braue hoch. »Danke, aber ich brauche keine Spitalschwester, sondern Eure Augen, Eure Fähigkeiten in der Wildnis und Eure Hand. Vorzugsweise mit einem Schwertgriff darin.«

Rond schwieg. Das konnte nur eins der dreckigen Spiele sein, die der Adel mit Gefangenen trieb. Weck ihre Hoffnung, amüsiere dich über das Leuchten in ihren Augen. Lass sie betteln. Und dann: Ab an den Galgen mit ihnen! Wer einen Beamten des Königs tötete, für den gab es keinen anderen Weg aus dem Kerker.
Wortlos drehte Rond dem Besucher den Rücken zu. Vielleicht konnte er den Höfling ja durch Frechheit oder Desinteresse reizen. Vielleicht wurde der unvorsichtig und kam einen Schritt zu nahe. Dann würde er sein blaues Wunder erleben und das Letzte, was Rond mit sich in den Abgrund riss, wäre das erschrockene Gesicht einer Made in schwarzen Pluderhosen.
Glauben konnte er es nicht. Nach dem misslungenen Angriff würde der Mann nicht mehr auf den Trick hereinfallen.

Der Fremde sprach mit unbewegter Stimme weiter: »Seine Majestät hat sich in den Kopf gesetzt, Gefangene von der Insel Falun zu befreien. Ich dagegen habe mir in den Kopf gesetzt, ihm dabei zu helfen.« Sein levanischer Akzent verstärkte sich.
Rond blieb sitzen und versuchte den Schwarzgekleideten ebenso zu ignorieren wie Kopfschmerzen oder Krämpfe. Sie kamen und irgendwann gingen sie auch wieder.
Wenn da nur nicht die verdammte, verfluchte Hoffnung an ihm nagte, doch noch aus diesem Loch herauszukommen!
Widerstrebend wandte er sich wieder dem Fremden zu.
»… Euch der König die Freiheit schenken. Wäre das etwa nichts für Euch?«

Verdammt! Konnte der Kerl Gedanken lesen?
Rond winkte verächtlich ab. »Natürlich. Ich bringe einen Blutsauger des Königs um — und er lässt mich frei?« Er lachte dreckig. »Für einen wie mich gibt es nur das Galgenseil. Aber das kapiert keiner, der noch nie Ketten getragen hat.«
Großartig. Jetzt fing er schon selbst an zu predigen. Er wandte sich erneut von dem Fremden ab, der schmerzlich das Gesicht verzog, und stützte das Kinn auf die Hände. Mit dem Angriff wurde es nichts mehr. Und morgen … Morgen würden sie ihn holen. Ende der Geschichte. Aber ein Funke Hoffnung, winzig und doch quälend heiß, brannte in seiner Brust.

Das Brot in den übrigen Zellen musste längst in hungrigen Mägen verschwunden sein. Rülpsen und Rascheln tönte herüber. »Hast du
Weiberbesuch?«, grölte einer.
Aus einer anderen Zelle rief jemand zurück: »Nein, der wird gerade freigelassen. Frei wie Gald, wette ich.«
Gelächter.

Die Stimme des Fremden klang auf einmal dicht hinter ihm: »Eure Schwester Merya bekäme ebenfalls die Freiheit.«
In blinder Wut warf Rond sich herum und schnappte nach den Fußgelenken des Fremden, der sich mit einem Sprung aus der Gefahrenzone
brachte. »Lass meine Schwester aus dem Spiel, du dreckiger Hurensohn!«
»Meinetwegen. Aber so lautet nun einmal das Angebot des Königs. Ihr kommt mit mir, befreit eine Gruppe Gefangener — und Eure Schwester bekommt ebenso die Freiheit wie Ihr selbst. Andernfalls wartet der Galgen auf Euch. Ich habe bei allen Göttern genug verhandelt, um ihm dieses Versprechen abzuringen. Also lasst ihn nicht zu lange auf Eure Entscheidung warten. Eine Gefangenenbefreiung gegen zwei Leben — oder der Strick für beide.«

Daher wehte also der Wind. Wenn man ihn brauchte, zählte ein toter Beamter plötzlich nicht mehr viel.
»Sag mir einen Grund, warum ich dir glauben sollte.«
Dabei spürte er selbst, wie ihm der Schwarzgekleidete ein unsichtbares Band um die Brust gelegt hatte, das sich enger und enger zusammenzog.
Freiheit. Freiheit für Merya. Verdammte, verfluchte Götter! Wie er hoffte, dass die Worte des Fremden stimmten.

»Glauben?« Die Gewänder des Fremden raschelten. »Wenn Ihr Sicherheit wollt, bleibt einfach hier sitzen. Da wisst Ihr genau, was Ihr bekommt.«
»An meiner Schwester picken doch längst die Krähen.«
»Seid Ihr da so sicher?«

Auf einen Wink des Fremden verließ einer der Gardisten die Zelle und brüllte einen Befehl.
Ketten klirrten. Dann schnitt Meryas Stimme durch den Lärm des Kerkers: »Habt ihr den verdammten Totschläger immer noch nicht aufgehängt?«
Rond fuhr in die Höhe und rang nach Luft. Für einen Augenblick standen sie sich in seiner Erinnerung wieder in Meryas Hurenhaus gegenüber — seit dem Tod der Eltern sein einziges Zuhause — und warfen einander Flüche und Beleidigungen an den Kopf.

Der Lärm aus den übrigen Zellen verstummte schlagartig.
»Wird wohl nichts mit dem Weiberbesuch«, spottete einer und eine Lachsalve fegte durch die Gewölbe.
Merya antwortete mit einer Reihe von Kraftausdrücken, für die sie Johlen und Beifall erntete. Der Wächter zerrte sie an einer eisernen Kette durch die offene Zellentür.
Ihre verfilzten Haare konnten nicht den Eisenring um den Hals verdecken, von dem die Kette zur Faust des Wächters führte. In ihren Augen stand Verbitterung, die lähmende Enttäuschung über ihr Hurenleben hatte sich in den Falten neben ihrem Mund eingegraben. Einen Atemzug später legte sich der bekannte Schleier aus Verachtung darüber.
»Sie hätten dich genauso ausweiden sollen wie du den Kerl in meiner Stube. Warum füttern sie so ein Stück Scheiße überhaupt noch durch? Wie ein Straßenköter sollst du verrecken!«

Der Wächter riss so stark an der Kette, dass sie taumelte. »Los jetzt, Drecksweib!«
Er zerrte die keifende Merya hinter sich her. Erst das Zuschlagen der Kerkertür schnitt ihr Fluchen und Kettenrasseln ab. In den Nachbarzellen fielen noch ein paar derbe Späße, doch als Rond nicht antwortete, kehrte Ruhe ein.
Rond starrte auf den Boden. Seine Knochen fühlten sich an, als hätte jemand Blei hineingefüllt.
Ach, Merya.

Als er den Blick des Schwarzgekleideten bemerkte, der ihn schweigend beobachtete, setzte er eine unbeteiligte Miene auf.
Doch der Fremde wusste offenbar längst, dass er gewonnen hatte.


Die Wachen warteten auf Erlaubnis zum Eintreten und stießen Rond grob durch die Tür. »Hier ist er, Gräfliche Hoheit.«
Ein Blaublütiger? Mit denen hatte Rond noch nie Glück gehabt. Das alles konnte nur in einer Katastrophe enden.

Der Schwarzgekleidete erhob sich aus einem dick gepolsterten Sessel vor dem Kamin, in dem ein frisch geschürtes Feuer flackerte. Ein zweiter Sessel stand ihm gegenüber. Den Raum dazwischen füllte ein niedriger Tisch, auf dem eine Karaffe und zwei silberne Becher mit hohen Stielen warteten. Der Schein der Abendsonne fiel durch zwei riesige Fenster mit bleigefassten Glasscheiben und ließ die kostbaren Wandteppiche aufleuchten.
Abendsonne? Ganz schlecht. Nach Westen stand die Burg über einer lotrechten Felswand. Keine Chance, durchs Fenster zu fliehen.

Der Schwarzgekleidete sah selbst in dem rötlichen Licht bleich aus und seine Kleidung unterstrich den Effekt. Ein Levany also. Die gezierten Bewegungen des feinen Herren hatten etwas Brüchiges wie ein Gaul, der zu schwer gearbeitet hatte. Seine Augen blickten aus Höhlen, die sonst nur der Hunger formte, und sein Blick schoss durch das Gemach, als ob er ebenfalls nach einem Fluchtweg suchte.

Mit einer knappen Geste wies er auf Rond, ohne die Wachen anzusehen.
»Nehmt ihm die Ketten ab.«
»Hoheit?«
»Ich denke, du hast mich verstanden.« Die Antwort des Levany fiel nur eine Nuance schärfer aus, doch der Soldat duckte sich wie unter einem Schlag.
Feigling.

»Wartet vor der Tür.« Der Fremde nahm wieder Platz und wies Rond
den zweiten Sessel zu.
Der ließ sich ohne weitere Umstände hineinfallen und warf einen spöttischen Blick auf seinen Gastgeber. »Und jetzt? Wann kommen die Tänzerinnen?«
»Jetzt trinken wir einen Schluck und warten auf das Essen. König Dargon führt eine exzellente Küche und mit einem Happen im Bauch lässt sich viel besser besprechen, wofür ich Eure Hilfe brauche.« Mit einem eleganten Schwung hob der Schwarzgekleidete die Karaffe an, füllte beide Weinbecher und reichte Rond einen.

»Wie fandet Ihr die Palastbäder?«
Unwillkürlich wandte Rond den Blick ab. Er wusste, wie Männer aussahen, die aus dem Kerker kamen. Der Gesichtsausdruck der Bademägde und die schmutzigbraune Brühe, der er entstiegen war, hatten ihm genug über seinen Zustand verraten. Jetzt fühlten sich die bartlosen Wangen wund und roh an. Die frisch geschnittenen Haare wehten bei jedem Luftzug und kitzelten auf der Stirn. Die ungewohnte Umgebung und die Aufmerksamkeites Adeligen verunsicherten ihn stärker, als er sich eingestehen wollte. Unwillkürlich duckte er sich und verwünschte im Stillen seine Feigheit. Besser, er machte zügig klar, dass er keinem hohen Herren in den Arsch kroch.

»Habt Ihr eigentlich einen Namen? Ich will wenigstens wissen, wem ich die Zähne ausschlage.«
»Ihr pflegt ja eine ausgesprochen sympathische Art, Euch vorzustellen.«
Rond schwieg und wartete.
»Also gut, Meister Rond.« Sein Gastgeber seufzte. »Al Yontar lautet mein Name, Shevon al Yontar. Mein Vater war Senator und oberster Quaestor in Levanon, als es dort noch so etwas wie einen Senat gab. Und ich spotte nun einmal gern über Leute, die mir ans Leben wollen.«
»Das müssen eine Menge sein.«
»Einige.« Der Fremde schien im Geiste nachzuzählen.

Es klopfte.

Mit einer fließenden Bewegung glitt Rond aus dem Sessel und hinter den Fremden, legte die Hände um dessen Hals und wartete, jederzeit bereit, zuzudrücken. Hier würde er ohne Geisel nicht hinausgelangen.
Doch durch die Tür kam nur die Magd mit dem Essen und ließ bei ihrem Anblick beinahe das Tablett fallen.
»Alles ist in bester Ordnung«, brachte al Yontar heraus. »Setz es ab und verschwinde.« Die Magd tat wie geheißen und hastete aus dem Raum.

Rond behielt die Hände am Hals des Levany, bis die Wachen mit gezogenen Waffen die Tür aufsprengten.
»Zurück, Dreckskerl! Zurück, oder du bist ein toter Mann!«
»Wenn ihr so weitermacht, bin gleich ich der Tote«, presste al Yontar hervor. »Verschwindet endlich und lasst uns essen.«
»Aber, Gräfliche …«
»Augenblicklich! Und lasst euch bloß nicht einfallen, hier mit einer Kompanie aufzutauchen!«

Die Verwirrung stand den Wachen ins Gesicht geschrieben, doch sie fügten sich. Schritt für Schritt zogen sie sich rückwärts auf den Gang zurück. »Und schließt gefälligst die Tür!« Der Levany klang fast schon wieder so überheblich wie das ganze adelige Pack.
Rond blieb mit den Händen am Hals des Fremden stehen. Wahrscheinlich kamen die beiden gleich wieder hereingetrampelt. Erst
nach längerer Zeit setzte er sich, bereit, jeden Augenblick erneut aufzuspringen.

Sein Gastgeber deckte die Schüsseln ab und schnupperte am Inhalt.
»Wunderbar. Ich werde dem Oberhofkoch ein Kompliment zukommen lassen. Die Magd zeigte beeindruckende Disziplin, findet Ihr nicht? Bei
jeder anderen müssten wir nun vom Boden speisen.« Er verfiel wieder in seinen Plauderton, doch die Schweißperlen auf der Stirn verrieten, dass er die Situation keineswegs so souverän durchgestanden hatte, wie er glauben machen wollte.
Gut so. Niemand sollte sich für unangreifbar halten.

Al Yontar machte eine einladende Handbewegung. »Guten Appetit! Wenn ein König einen verköstigt, sollte man sich auf keinen Fall zurückhalten.«
Das ließ Rond sich nicht zweimal sagen. Beim Anblick der Speisen wuchs seine Gier ins Unermessliche und er langte mit beiden Händen zu.

»Übrigens haben wir uns schon einmal getroffen«, erklärte Shevon al Yontar.
Rond antwortete nicht. Er riss mit den Zähnen das Fleisch von einem gebratenen Hühnerbein, warf den Knochen auf die Platte zurück und griff nach dem nächsten. Wenn sie ihn morgen aufhängten, starb er wenigstens satt.
Schließlich sah er auf. »An einen Milchbart wie Euch würde ich mich erinnern.«
»Es ist sieben oder acht Jahre her. Den Jungen mit zu viel Geld in der Tasche habt Ihr zwischen den Adeligen vermutlich einfach übersehen. Ihr hattet gerade Graf Gribush aus einem Kerker irgendwo im Osten herausgeholt und bei Hof konnte man sich nicht entscheiden, ob man Euch feiern oder einfach köpfen sollte.«

Nicht schon wieder die alte Geschichte. Der verdammte Berater der Krone hatte sich in Gham fern im Osten mit Prahlereien und Lügen ins Gefängnis geschwatzt und sich später über die unkomfortable Flucht beschwert.
Rond leerte den Weinbecher und stellte ihn etwas zu fest zurück auf den Tisch, dessen Platte sacht zu tanzen schien. Sie schenkten hier starkes Zeug aus und reichten kein Wasser zum Verdünnen. Er war einfach nichts Gutes mehr gewohnt. Wie lange hatte er in dem verdammten Kerker gefault? Er würde aufpassen müssen, um nicht betrunken vom Stuhl zu fallen.

Shevon al Yontar griff nach der Karaffe. Dabei rutschte sein Ärmel zurück und gab das Handgelenk frei. Knotig verwachsene Stränge schlangen sich ringförmig darum, als wüchse ihm eine Rolle Draht unter der Haut.
Der Mann war ausgepeitscht worden.

Unwillkürlich packte Rond die Hand des Fremden und hielt sie fest.
»Was ist das?«
»Narben.« Der Fremde zog mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck die Hand weg und schenkte nach. »Das Abschiedsgeschenk eines Freundes, nachdem er meine Familie ermordet hatte. Ich suche noch nach einem passenden Gegengeschenk.« Die Karaffe klirrte, als er sie auf den Tisch
stellte.

Gier brüllte Rond in die Ohren, den Wein auf einen Zug zu leeren. Widerstrebend hielt er sich zurück, denn der Alkohol in seinem Blut ließ bereits das Zimmer schwanken. »Ist es das, was ich tun soll? Den Mörder umbringen? Rache?«
Ein Lächeln schlich über das Gesicht des Fremden. »Ihr habt mir vorhin im Kerker nicht zugehört. Außerdem traue ich Euch so manches zu, Meister Rond, aber das dann doch nicht.«

Der Fremde traute ihm wohl nichts zu? Ha!

»Sagt mir, wer es ist, und ich bringe Euch seinen Kopf.«

Sein Gegenüber zog eine Braue hoch. »Na gut, Meister Rond. Wir sprechen über den Diktator von Levanon.« In Ronds verblüfftes Schweigen hinein fuhr er fort: »Ich habe Euch bereits von der Aufgabe erzählt. Wie früher schon einmal sollt Ihr Gefangene befreien, aber die Sache hat ein paar Tücken.«

Der Wechsel im Tonfall entging Rond nicht. Er schob den Weinbecher von sich, der irgendwie doch in seine Hand geraten war. Hühnerbeine, Wein und Badezuber stellten also nichts anderes dar als die Leimrute für Fliegengeschmeiß wie ihn. Jetzt kam der Preis.

Shevon al Yontar schenkte ihm schon wieder nach. »Die Gefangenen sitzen im Königspalast zu Gabash, wo König Toran von Falun eifersüchtig über sie wacht. Ein eitler Bursche, der im Leben nichts geleistet hat, als sein Land kampflos an Levanon zu übergeben, nachdem sein Vater durch meinen besiegt worden war. Die Bauleute, die seine marode Burg reparieren sollten, haben ihn verlassen und er glaubt, dass er sie zur Rückkehr zwingen kann. Eure Aufgabe …«
»Gawash? Wo ist das?« Rond zwang seine Hand, nicht nach dem Becher zu greifen.
»Gabash. Hauptstadt Faluns, einer Insel im Westen. Ein Land, in dem es mehr regnet, findet Ihr im ganzen Inselrund nicht. Ihr sollt die Gefangenen übernehmen und zu unserem Schiff bringen. Alles in allem eine Flucht von drei, vier Tagen, wenn es einmal losgeht.«
»Wieso hält dieser König Toran die Bauleute gefangen, wenn sie schon geflohen sind?« Es fiel ihm schwer, die Gedanken zusammenzuhalten. Verdammtes Gesöff.
»Die Bauleute sind geflohen, als sie keinen Lohn mehr bekamen. König Toran ist so gut wie mittellos.«
»Trotzdem hat er sie wieder einfangen lassen.«
»Nein.« Shevon al Yontars Gesicht blieb unbewegt. »Es handelt sich um ihre Frauen und Kinder. Sie wollten auf zwei Schiffen fliehen, aber das eine wurde geschnappt.«
»Ich soll … Moment mal. Mit einer Horde Frauen und Kindern durch die Wildnis?« Er lachte ungläubig und schüttelte vehement den Kopf. »Das ist Wahnsinn!«
»Das ist unumgänglich.«
»Welcher Idiot hat sich diesen Blödsinn ausgedacht?«
»König Dargon, Euer Herr.«
»So ein …« Rond sprang auf und blieb mit dem Fuß am Tischbein hängen. Er rettete sich mit einem Griff nach der Sessellehne des Levany, doch sein Weinbecher knallte auf den Boden und eine rote Lache breitete sich auf den Fliesen aus wie Blut beim Schlachter.

Verdammt. Verdammtes Gesöff. Verdammte Wächter. Natürlich würden sie es noch einmal probieren!
Vorsichtshalber nahm er wieder Aufstellung hinter al Yontar, der entnervt die Augen verdrehte.
»Muss das sein?«
Rond nickte und konzentrierte sich auf die Tür.

Wie erwartet stürmten die Wachen mit gezogenen Schwertern herein. Das Ganze glich immer mehr einer schlechten Bauernkomödie, die ständig die gleiche Szene zeigte.
»Seid Ihr wohlauf, Hoheit?«
»Durchaus.« Shevon al Yontar lehnte sich zurück. »Ein zerbrochener Kelch ist noch lange kein Grund zur Beunruhigung. Lasst uns allein und wartet draußen.«
»Zu Befehl, Hoheit.« Die Wachen zögerten, bis al Yontar sie mit ungeduldigem Handwedeln vor die Tür wies.
»Nun setzt Euch doch wieder, Meister Rond! Es gibt viel zu besprechen und die Zeit drängt.«

Rond blieb weiter hinter dem Grafen stehen.
Der warf sich unbeeindruckt ein paar Oliven in den Mund. »Für die Befreiung räumt uns König Dargon drei Mondläufe ein, beginnend heute. Wenn wir bis dahin mit den Gefangenen hier bei Hof eintreffen, bekommen Ihr und Eure Schwester die Freiheit und ich lege eine ordentliche Belohnung obendrauf. In Gold. Wenn nicht …« Der Fremde zuckte nonchalant mit den Schultern.
»Und wenn ich bei der Sache draufgehe?«
»Gilt unsere Vereinbarung trotzdem. Treffen die Gefangenen rechtzeitig hier ein, wird Eure Schwester freigelassen und ich zahle Eure Belohnung an sie aus.«
»Wer sagt Euch, dass ich mich nicht einfach heimlich aus dem Staub mache?«
»Niemand. Ihr müsstet dann freilich damit leben, dass Ihr Eure Schwester an den Galgen gebracht habt.«
Rond schnaubte. »Das kümmert mich einen Dreck. Merya wünscht mir ohnehin den Bluthusten an den Hals.«

Shevon al Yontar verdrehte sich auf seinem Sessel, um ihm in die Augen zu sehen. »Wisst Ihr, warum ich Euch das nicht glaube? Weil Ihr Eure Schwester vor dem Steuereintreiber gerettet habt. Weil Ihr nur ihretwegen im Kerker gelandet seid. Und weil sie das Einzige ist, das Euch auf dieser Welt noch etwas bedeutet. Ich habe vor unserem Gespräch Erkundigungen eingezogen.«
»Ich will …«
»Ihr könnt Euch gern etwas Zeit für die Entscheidung nehmen. Aber jeder Tag bringt Eure Schwester dem Strick näher und Ihr, Meister Rond, seid der Einzige, der sie jetzt noch vor dem Galgen retten kann.«

Er lehnte sich zurück, nippte an seinem Wein, und Rond musste alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um dieser verfluchten, selbstzufriedenen Palastratte nicht die Gurgel zuzudrücken.

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