schreibt Fantasy

Leseprobe »Timyian«: Kapitel 1 – Adler

© by Michael Knabe
© by Hybrid Verlag, Homburg
Umschlaggestaltung: © 2023 by Andrea Gunschera
Lektorat: Robien Schmidt
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Nadine Engel


Timyian setzte das stumpfe Ende des Hirtenstabs auf den Boden und beobachtete die Adler auf der anderen Talseite. Nur ein Jungtier des Geleges lebte noch. Es hockte auf einem Felsen und riss an einem Kaninchen, das ihm seine Mutter gebracht hatte. Mit kräftigen Flügelschlägen erhob sie sich in die Luft und nahm Kurs auf die Schafweide.

»Timyian!«

Alarmiert packte er den Hirtenstab fester. Entgegen seiner Befürchtung drehte das Adlerweibchen ab, ließ sich vom Aufwind über die Steinhalden emportragen, wurde kleiner und kleiner, bis es im grenzenlosen Blau des Frühlingstags verschwand.

»Timyian, wo steckst du?«

Wie großartig es wäre, fliegen zu können! Er könnte die Schafe aus der Luft zählen und wie ein Adler auf sein Heimatdorf Callia hinabblicken. Unbemerkt würde er zusehen, wie eine winzig kleine Mutter aus dem Stall trat und das Tor zum Gemüsegarten öffnete. Er könnte Vater beim Pflügen beobachten oder aus der Luft über seinen Bruder Grayn lachen, der vergeblich Steine nach ihm warf.

»Gütige Götter, antworte gefälligst, wenn ich dich rufe! Eine Stumme in der Familie reicht mir.« Tia, die jüngste seiner großen Schwestern, stapfte mit zornrotem Kopf zu ihm herauf. Ihr Kopftuch hing schief über der Stirn und ein paar braune Locken spitzten darunter hervor.
»Ich weiß wirklich nicht, warum ich das für dich tue.« Sie ließ ihm ein in Stoff eingewickeltes Päckchen vor die Füße fallen.
Das schlechte Gewissen ließ seinen Magen krampfen. Oder meldete sich nur der Hunger? Das Päckchen enthielt sein Mittagessen und er hatte wieder einmal vergessen, es mitzunehmen.
»Tia, du rettest mir das Leben!«
»Wann denkst du endlich selbst daran? Du bist kein Kind mehr.« Obwohl sie abfällig die Augen verdrehte, klang ihre Stimme sanfter.
Timyian ignorierte den Stich in der Brust. Er mochte in der letzten Zeit gewachsen sein, aber zu den Großen gehörte er längst noch nicht. Seine Stimme klang so hoch wie eh und je. Wenn es nach Vater ging, war er faul, ein Träumer und gerade gut genug fürs Schafehüten. Sein großer Bruder Grayn meinte sogar, man könnte ihn auch gleich selbst an die Schweine verfüttern, dann sei er wenigstens zu etwas nütze.

Tia stupste seine Nase mit dem Finger an. »Was ist, wenn die wilden Hunde kommen? Oder der Adler? Du musst endlich aufhören zu träumen!«
Wenn das so einfach wäre. Jedes Mal, wenn er sich vornahm, ganz besonders gut aufzupassen, flog der Adler vorbei oder er ertappte sich dabei, Zahlen in den Lehm zu kratzen. Zahlen faszinierten ihn, seit er die ersten Ziffern schreiben konnte. Es war, als ob sie zu ihm sprachen und ihn lockten, ihre tiefsten Geheimnisse zu erforschen.

»Timyian! Hörst du überhaupt zu?«
»Natürlich!« Warum nur schweifte er dauernd ab? »Hat er dich hinaufsteigen sehen?«
»Wer, Vater? Der pflügt den dritten Acker und sieht nichts außer einem Pferdearsch.« Tias Lachen klang unecht und sein Appetit verflüchtigte sich. Grayn würde seine Schwester nur zu gern beim Großbauern verpfeifen. Aus einem Grund, den Timyian nicht verstand, hasste er sie und versuchte sie bei jeder Gelegenheit anzuschwärzen, obwohl sie auf dem Hof anpackte wie sonst keine. Verriet er Vater, dass Tia ihrem verträumten kleinen Bruder half, setzte es Schläge für beide. Wenn es nach Vater ging, lernte Timyian ohnehin nur aus Schlägen.

»Wie kann ich es wiedergutmachen?«
»Spiel mir etwas auf der Flöte vor.« Tia stemmte die Hände in die Seite und wippte mit den Hüften wie beim Dorftanz.
»Wie Ihr wünscht, strenge Herrin.« Er zog die neue Flöte aus der Tunika, die aus einem dicken Weidenzweig und einem Block aus Lindenholz bestand. »Was möchtest du hören?«
»Den Tanz der Gaukler.« Tia beugte sich verschwörerisch vor. »Die kommen nämlich gerade ins Dorf gefahren.«
»Nein!« Er kniff die Augen zusammen, aber von hier aus konnte er nur bis zur Schmiede sehen.
»Wenn der Herr Hirte nicht nur Zahlen in den Staub kratzt oder Adlern nachblickt, kommt er vielleicht pünktlich heim und begleitet mich zur Gemeinwiese wie ein Großer.« Sie verschränkte die Arme. »Und jetzt will ich mein Lied!«
Gehorsam setzte Timyian die Flöte an.

Der erste Triller schien bunt gekleidete Gestalten in die Luft zu malen, die hinter furchterregenden Holzmasken die Mägde zum Tanz luden. Eine fremde Melodie begleitete jeden ihrer Schritte. Die Schellen an ihren Füßen klirrten und rasselten im Takt und die Tänzer fegten an den Zuschauern vorüber, eine Girlande schriller hoher Töne. Timyian verbog die Melodie der Hymne zur Sonnenwende, um die Mischung aus Faszination und Abscheu anklingen zu lassen, mit der ihnen die Blicke der Dörfler folgten. Heute Nacht würde jeder seine Tür fest verschließen.

»Bravo!«

Er öffnete die Augen und kniff sie geblendet zusammen. Fackeln und bunte Gestalten verschwanden. Die Frühlingssonne wärmte ihm den Rücken und rings umher blökten Schafe.
Tia klatschte in die Hände und imitierte die Tanzsprünge der Gaukler aus seiner Vorstellung. »Noch eins, bitte!«
»Lieber nicht.« Timyian fröstelte in der Sonne. »Wenn du zu lang wegbleibst, verrät dich Grayn.«
Tia zog einen Schmollmund, als wäre er der Bursche, der sie anhimmelte. »Heute Abend spielst du mir aber noch eins vor, ja? Bevor wir losgehen. Zum Einstimmen.«
»Versprochen.«
Mit einem Winken verabschiedete sie sich und hüpfte den Hang hinab wie ein kleines Mädchen.

Timyian verfolgte ihren Weg, bis sie zwischen den Häusern verschwand. Ein Knoten schwoll in seinem Hals an. Tia war immer für ihn da gewesen, bis sie vor zwei Jahren die gemeinsame Kindheit verraten hatte und in die Höhe geschossen war. Inzwischen überragte sie ihn um mehr als einen Kopf, putzte sich heraus und schnürte ihr Mieder besonders eng in der Hoffnung, dass sich darüber mehr abzeichnete als zwei unscheinbare Erhebungen. Er dagegen hütete immer noch die Schafe und schnitzte Flöten.
Gedankenverloren trällerte er mit der Flöte ein paar Tanzrhythmen, die über dem Tal tanzten wie ein Vogelschwarm.

Unterhalb der Schafweide reichten die Magerwiesen bis nach Callia hinab. Darüber kamen nur noch der Wald des Barons und die wilden Tiere.
Das Jungtier drüben auf dem Adlerfelsen reckte sich und schlug mit den Flügeln. Sein klagender Schrei hallte durchs Tal. Sicher fluchte Grayn unten im Dorf und schwor, das Vieh eigenhändig zu erwürgen. Sollte er nur! Mit seinem Klumpfuß kam er niemals an den Horst heran.

Eine Bewegung auf der Dorfstraße zog Timyians Aufmerksamkeit auf sich. Da kamen sie!
Eine Wagenschlange wand sich die Straße entlang und hielt auf die Gemeindewiese zu. Tänzer in schreiend bunten Fetzen drehten sich im Kreis oder sprangen hoch in die Luft. Andere jonglierten mit Bällen oder tauschten im Wurf bunte Keulen. Das Schrillen der Pfeifen und das Dröhnen der großen Trommel schallten bis zur Schafweide hinauf. Gedankenverloren zog Timyian die Flöte hervor und improvisierte ein paar Triller dazu. Es musste großartig sein, vor staunenden Zuhörern zu spielen, die dafür sogar bezahlten.
Von allen Seiten liefen die Dorfbewohner zusammen, um den Zug zu bestaunen, der sich auf der Gemeindewiese auflöste. Die Gaukler schoben ihre Wagen zu einer Burg zusammen und Zelte erblühten wie fremdartige Blumen. Feuer qualmten unter Grillrosten und unter kräftigen Hammerschlägen wuchs eine Bühne empor.

Timyian kniff die Augen zusammen. Heute Abend würde er mit Tia durch den Schein der Fackeln flanieren. Wahrscheinlich machte sie sich bald davon, um hinter irgendeinem Zelt feurige Küsse mit ihrem Verehrer zu tauschen. So konnte er ganz allein die Wunder bestaunen, die das fremde Volk präsentierte, die Wolfsmenschen und Jongleure, die krüppeligen Gnome und bärtigen Mannweiber. Am Ende, wenn die Magie des Abends gereizter Müdigkeit und der Angst vor den Ohrfeigen des Großbauern wich, würde er seinen einzigen Kupferterzo für ein paar Zuckerstangen ausgeben, die ein ganzes Jahr lang reichen mussten.

Er schreckte hoch. Das geruhsame Blöken der Schafe wich ängstlichen Rufen und die ersten Tiere rannten ziellos über die Wiese. Kläffend sprang Toff, der Hütehund, um sie herum und versuchte die Herde zu einem Kreis zusammenzutreiben, damit keins davonlief.

Ein graubrauner Schatten schoss aus dem Buschwerk am Waldrand hervor, gefolgt von immer weiteren, und hetzte auf die Herde zu.
Wilde Hunde. Jeder kannte sie aus den alten Geschichten.

Timyian ließ die Flöte in den Halsausschnitt der Tunika fallen und packte den Hirtenstab. Er rannte um die Herde herum und behielt die Raubtiere im Blick, die sich auffächerten, um ein weitab grasendes Schaf einzukreisen.
»Das kriegt ihr nicht!« Wenn Timyian auch nur ein Tier verlor, würde Vater ihn zum Krüppel schlagen. Er stürmte an dem unvorsichtigen Schaf vorbei und stellte sich den Hunden in den Weg.
Mit einem wütenden Fauchen erwachte der Hirtenstab in seinen Händen zum Leben. Das stumpfe Ende traf den Leithund an der Schläfe und schleuderte ihn zur Seite. Ein Ausfallschritt brachte Timyian aus der Bahn des zweiten Hundes, der ihn um Haaresbreite verfehlte. Er ließ das Ende des Hirtenstabs auf dessen Rücken krachen und brachte die Spitze gerade noch rechtzeitig herunter, um sie dem dritten Angreifer ins Maul zu rammen. Er riss den Stab zurück, schwang ihn herum und schlug nach dem vierten. Der Schlag ging ins Leere. Der Hund krachte in vollem Lauf gegen seine Brust, ließ ihn mit dem Rücken aufs Gras prallen und trieb ihm die Luft aus den Lungen. Dicht vor ihm schnappte die geifernde Schnauze nach seiner Kehle.
Entsetzt presste Timyian die Hände gegen die Brust seines Gegners. Mit jedem Tritt der Hinterbeine arbeitete sich das Vieh näher an seine Kehle heran. Die Hundezähne suchten nach Widerstand und bekamen die Flöte zu fassen. Knirschend riss der Stoff der Tunika entzwei. Weit entfernt kläffte Toff.
Der Hund zerrte an der Flöte. Timyian hielt sie eisern fest, trat ihm in die Flanke und wälzte ihn von sich herunter. Für einen Augenblick öffneten sich die Kiefer des Untiers zu einem Winseln. Timyian riss die Flöte heraus und presste sie auf die Hundekehle. Mit beiden Armen hielt er den Hund zu Boden gedrückt. Die Klauen der Vordertatzen rissen Furchen in seine Arme. Er hielt fest, bis die Bewegungen des Hundes schwächer wurden. Als er nach der Kehle tastete, um dem Tier den Rest zu geben, rappelte es sich in einer letzten Kraftanstrengung auf, schüttelte ihn ab und verschwand hinkend im Wald. Die übrigen folgten ihm.

Benommen setzte Timyian sich auf und wischte den Geifer aus dem Gesicht. Tiefe Risse zogen sich über seine Arme und Beine, als hätte Grayn ihn mit dem Flachsrechen gekämmt. Blut sickerte aus den Wunden, die immer stärker brannten. Neben ihm lagen drei leblose Körper, in grotesken Posen erstarrt.
Das gerettete Schaf verschwand zwischen seinen Gefährten. Toff kam herübergerannt und leckte Timyian winselnd das Gesicht ab. Er hinkte auf dem Hinterlauf und Bissspuren zeichneten sich auf seiner Schnauze ab.
Timyian schwindelte. Er ließ sich auf die Erde sinken und schloss die Augen. Die Geräusche um ihn herum klangen überlaut in seinen Ohren: das angestrengte Bellen des Hütehundes, das beruhigende »Määh!« eines der Muttertiere, das Geräusch abgerupften Grases, Alarmrufe der Tiere weiter unten und der Todesschrei eines Lamms.

Timyian riss die Augen auf.

Am anderen Ende der Herde stieg mit kräftigen Flügelschlägen die Adlermutter empor und nahm Kurs auf den Felsen mit ihrem Jungen. Der Kopf des Lamms in ihren Klauen baumelte leblos hin und her. Timyian schien es, als ob sie ihn mit ihrem triumphierenden Schrei verspottete.

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