© by Michael Knabe
© by Hybrid Verlag, Homburg
Umschlaggestaltung: © 2020 by Andrea Gunschera
Lektorat: Donatha Czichy, Tatjana Reiber
Korrektorat: Nola Reiber
Buchsatz: Lena Widmann
Bei Sonnenaufgang nahm Prinzessin Ishabel ihren Platz in der Fensternische des königlichen Kabinettssaals ein. Die ersten Strahlen ließen die Fresken auf der gegenüberliegenden Wand aufleuchten. Sie nickte den Dienern zu, die Weinbecher und Leckereien auf dem Besprechungstisch anrichteten.
Ishabel hasste die Nische. Fünf Schritte vom Tisch entfernt musste sie den Beratungen lauschen, ohne sich je zu Wort melden zu dürfen. Wie hatte Mutter es all die Jahre hier ausgehalten?
»Jeder trägt eben seinen Teil der Krone. Dieser ist meiner«, hätte sie wohl geantwortet und sich wieder den Beratern des Königs zugewandt.
Wer gehört werden wollte, erwies der Königin seine Reverenz, noch bevor der Herrscher selbst erschien. Ihre Mutter bedachte jeden mit einem herzlichen Lächeln, erkundigte sich nach dem Befinden der Gattin und platzierte ganz nebenbei Bemerkungen, die bei Hof so intensiv diskutiert wurden wie die Dekrete des Königs selbst.
Früher. Ishabels Brustkorb zog sich schmerzhaft
zusammen. Früher hatten die Gänge widergehallt von den Stimmen der Herzöge, Freigrafen, Barone und ihres Gefolges. König Badoran hatte einen großen Hof geführt, bevor alle, die es noch konnten, vor dem Bluthusten geflohen waren. Es schien eine Ewigkeit her.
Neben dem Platz ihres Vaters wartete noch immer Brashs Stuhl, als würde er gleich den Saal betreten. Für alle außer Ishabel war er immer der lächelnde, aufmerksame Thronfolger gewesen und sein Bruder Biran der stumme Schatten hinter ihm. Nun stand der Stuhl verwaist und Ishabel saß noch immer in ihrer Ecke.
Eines Tages würde sie dort sitzen, egal was ihr Vater sagte.
Von draußen drangen die Stimmen der Herzöge Mirash und Styeban herein. Zu schade, dass sich nach dem Bluthusten ausgerechnet diese beiden nach Golàbine zurückgewagt hatten. Was wollte der König mit zwei Beratern, die sich mehr mit ihrer Rivalität beschäftigten als mit dem Wohl des Reichs? Gerade heute, wo der König den Boten aus Levanon anhören würde, benötigte er guten Rat besonders dringend.
Ein Bote aus Levanon. Wann hatte Sabinon das letzte Mal mit seinem Erzfeind gesprochen? Es musste Generationen her sein.
Der Auftritt der beiden Herzöge unterbrach Ishabels Überlegungen.
»Verhandeln, verhandeln«, polterte Mirash. »Fällt Euch niemals etwas anderes ein?«
»Das Gleiche könnte ich Euch fragen. Wann habt Ihr jemals etwas anderes vorgeschlagen als Krieg, Krieg, Krieg?«
Die Schärfe in Herzog Styebans Stimme überraschte Ishabel. Am Hof galt als fraglich, ob der ewig lächelnde Styeban Gefühle überhaupt kannte. Oft erinnerte er Ishabel an einen listenreichen Fuchs, der offenen Konfrontationen stets aus dem Weg ging. Sein rötliches Haar zog sich an den Schläfen schon zurück. Dagegen verweigerten sich Mirashs Stirnlocken jeder Behandlung. Manchmal standen sie nach außen weg wie die Hörner eines Zuchtstiers. Ja, das waren die beiden: Fuchs und Stier. Wie passend, dass Styeban den Fuchs sogar im Wappen führte.
Jetzt entdeckte er sie in ihrer Nische und verneigte sich. Unter seinem Mantel blitzte weiße Spitze auf. Vermutlich verwünschte er noch immer seinen Schneider, der die Unverschämtheit besessen hatte, an der Seuche zu sterben.
»Königliche Hoheit, welche Freude, Euch zu sehen.«
»Die Freude liegt ganz auf meiner Seite, Herzog Styeban. Euer Kommen lässt den Saal heller leuchten.«
Ihre übliche Spieleröffnung. Styeban flossen Komplimente von den Lippen wie Wasser aus einer Quelle, besonders wenn sein Konkurrent zuhörte.
Ishabel würde niemals so mühelos Antworten finden wie ihre Mutter, doch mit Styeban fiel ihr das Üben leicht. So plauderte sie mit ihm über den Boten aus Levanon und genoss seine Spitzen über Sabinons Erzfeind. Styebans Worte waren schon immer seine schärfste Waffe gewesen.
Mirashs Miene verdunkelte sich. Auch er folgte dem Zeremoniell, aber er wählte die knappste Verneigung, die ihm das Protokoll noch gestattete. Nicht einmal die Königin hatte ihm früher ein Lächeln entlocken können. Vermutlich fühlte er sich nur in seinen Feldlagern zu Hause, wo Offiziere Befehle brüllten und kein Frauenlächeln die Lage verkomplizierte.
Ishabel verkniff sich eine bissige Bemerkung. Dass sich Mirash über ihren Austausch mit Styeban ärgerte, bedeutete Rache genug.
Dann betrat ihr Königsvater das Kabinett und sie stellte ihre Überlegungen zurück.
König Badoran nickte ihr knapp zu, schickte alle Diener bis auf einen hinaus und eröffnete ohne Umschweife die Sitzung.
»Meine Herren, auf uns wartet die schwierigste Aufgabe seit langem. Der levanische Bote, der draußen wartet, ist nicht nur der Mund, sondern auch das Ohr seiner Meister. Wenn wir ihn im Saal haben, will ich meine Herzöge ohne jedes Murren hinter mir wissen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«
Die beiden nickten.
»Also gut, meine Herren: An die Arbeit.«
»Ich kann es nicht glauben«, erklärte der König eine Stunde später, kaum dass sich die Tür des Kabinetts hinter dem levanischen Boten geschlossen hatte. Er kniff die Augen zusammen wie immer, wenn ihn seine Kopfschmerzen plagten. Sollte Ishabel den Hofmedicus rufen lassen? Nein, entschied sie. Die Debatte über den Boten ging vor und das Wohlergehen des Königs musste warten.
»Das ist kein Angebot, sondern eine Falle«, knurrte Mirash.
»Es ist zumindest originell.« Styeban klang hellwach. Man konnte förmlich zusehen, wie er die Information von allen Seiten auf ihren Nutzen hin abklopfte. Levanon, Erzfeind seit Generationen, machte ein Friedensangebot!
Auch Ishabels Herz schlug schneller. Die Levanyi hatten für ihren Vorschlag einen Zeitpunkt gewählt, der einfach misstrauisch machen musste. Warum nahmen sie das Risiko nicht in Kauf und griffen an? Einen Krieg würde Sabinon so kurz nach der Seuche nur schwer überstehen.
Stattdessen hatte der levanische Diktator, ohne Sabinons Antwort überhaupt zu erfragen, ein Schiff mit Gesandten losgeschickt, das in ein paar Tagen hier in Golàbine eintreffen würde. Wozu diese Eile? Styeban lehnte sich zurück. »Majestät, ich würde das Angebot annehmen.«
»Seid Ihr wahnsinnig?«, fuhr Mirash auf. Ein Wink des Königs brachte ihn zum Schweigen und Styeban konnte fortfahren.
»Levanon kennt unsere prekäre Lage genau, davon können wir ausgehen. Wollen die Levanyi den Rücken frei haben, um ihre inneren Streitigkeiten zu lösen? Oder beschäftigt man uns mit Verhandlungen, während man selbst Truppen zusammenzieht? Bei dem Zustand, in dem unsere Armeen sich befinden, wäre das aus Levanons Sicht die interessanteste Möglichkeit. Aber wir wissen es nicht. Wir sollten zuallererst die Absichten unseres Gegners ergründen.«
»Herzog Styeban verrammelt doch schon sein Burgtor, wenn in Levanon jemand einen Furz lässt«, blaffte Mirash übel gelaunt. »Dabei liegt unser Gegner am Boden, nicht wir. Euer Majestät, schickt den Boten weg. Oder besser noch: Lasst ihn aufhängen und erlaubt mir, den Levanyi den Rest zu geben.«
Styeban ignorierte die Beleidigung. »Ob es Euch gefällt oder nicht, wir gewinnen mehr, wenn wir verhandeln. Zum Beispiel Zeit, um unsere Armeen wieder aufzubauen …«
»Mein Heer steht. Ich brauche keine Zeit.«
» … und herauszufinden, was die Levanyi vorhaben. Also sollten wir verhandeln. Es besteht zumindest die vage Möglichkeit, dass sie es ernst meinen.«
Ishabel in ihrer Nische schüttelte den Kopf. Styeban irrte sich. Verhandlungen, die Erfolg haben sollten, brach man nicht übers Knie, sondern bereitete sie durch Diplomaten beider Seiten vor. Das Ganze roch nach einer Falle.
»Verhandeln«, schnauzte Mirash zurück und Ishabel musste ihm widerstrebend recht geben. »Habe ich es nicht gesagt? Einen dümmeren Rat habt Ihr selten gegeben. Wir sollten zuschlagen, so schnell wie möglich. Diese Chance bekommen wir nie wieder. Wenn sich erst der Rest der Herzöge in den Palast zurücktraut, wird nur noch geredet. Anstatt die Levanyi ein für alle Mal auszulöschen, verhandeln wir.«
Natürlich. Mirash wollte wieder einmal draufschlagen – etwas anderes beherrschte er nicht. Ishabel verdrehte entnervt die Augen.
Styeban dagegen lächelte sein spitzes Lächeln. »Ihr wollt also wieder einmal ganz allein entscheiden?«
»Unsinn. Ihr verdreht …«
»Nennt Ihr Eure persönliche Fehde etwa eine Beratung?«
Der König brauchte seine Stimme nicht zu erheben, die beiden Streithähne schwiegen augenblicklich.
Mirashs Haltung verriet, wie viel Mühe ihm das bereitete. Ishabels Mutter hatte ihr beigebracht, auf Details zu achten: die Hand, die den Rand des Tischs umklammerte, das Schwellen der Kiefermuskeln, wenn er die Zähne zusammenbiss. Mirash würde keineswegs Ruhe geben. Er wartete nur auf die Gelegenheit zur Rache.
Ishabel ertappte sich dabei, in Gedanken hinaus auf die Terrasse zu wandern und zur Stadt hinabzublicken.
Sie senkte den Blick auf ihr Tischchen, in dessen Marmorplatte der Steinmetz ein Cal-shòn-Spiel eingelassen hatte. Akribisch überprüfte sie die Aufstellung der marmornen Figuren, mit denen sie das dichte Geflecht der Intrigen am Hof für sich nachvollzog.
Zwischen den Schwertkämpfern behaupteten sich nur noch König, Sturmhaupt und Zweigesicht auf den verschlungenen Feldern der Spielfläche. Zwei Fürsten, wo früher ein Dutzend gestanden hatte. Ein König, wo drei das Feld beherrscht hatten. Das Spiel war klein geworden. Höchste Zeit, dass die Herzöge zurück an den Hof kamen.
»Diktator Nuridor ist immer noch damit beschäftigt, seine Feinde innerhalb von Levanon zu jagen, Majestät«, versuchte Mirash es erneut. »Mit einem schnellen Vorstoß können wir seine Flotte ausradieren, ehe sie auch nur den Hafen verlassen hat. Aber wir müssen handeln, und zwar sofort. Sobald Nuridor seine Gegner im eigenen Land besiegt hat, ist die Chance für immer vertan.«
Ishabel schob das Zweigesicht ein Feld nach vorn, eine Figur, die sowohl Offizier als auch Attentäter unter den eigenen Figuren sein konnte.
Mirash, dachte sie. Der Herzog war ein mächtiger, aber gefährlicher Verbündeter. Er unterhielt nach dem König die stärkste Armee und regierte mit Nepham die zweitgrößte Stadt Sabinons. Wann immer möglich hielt sich Mirash bei seinen Soldaten auf und schlug die Angriffe levanischer Piraten auf seine Küsten zurück. Bei seinen Vergeltungsangriffen auf Levanon bewies er dagegen weit weniger Geschick.
Das schien auch Styeban so zu sehen. »Nuridors Armee mag in Levanon gebunden sein, seine Schiffe sind es keineswegs. Sagt, wie viele Galeeren habt Ihr mittlerweile gegen ihn verloren? Oder habt Ihr lieber aufgehört zu zählen?«
Ishabel zog mit dem Sturmhaupt. In ihrer Phantasie hieß es Styeban und trug weiße Spitze. Das Geflecht aus schwarzen und weißen Figuren löste sich vor ihren Augen in Linien und Flächen auf. Das Zweigesicht – Mirash – stand in Angriffsposition, aber kein Offizier deckte es.
Styeban hatte seinen Gegner bloßstellen können. Dieses Mal würde er den Sieg davontragen. Er war ein glänzender Stratege, aber seit Mirash ihm in der Gunst des Königs den Rang abgelaufen hatte, beschäftigte er sich mehr mit kleinlicher Rache als mit dem Wohl und Wehe des Reichs.
Ishabel griff schon nach der Königsfigur und zog die Hand wieder zurück. Vater würde seine Meinung nicht ändern.
Und tatsächlich. Als würde die Figur ihn steuern, erwiderte der echte König knapp: »Die Flotte bleibt unter meinem Befehl. Ich weiß, welchen Blutzoll Ihr gegen Levanon gezahlt habt, Herzog Mirash. Aber Eure eigenen Angriffe haben bislang nichts geändert. Ich werde Euch keine Erlaubnis für einen Feldzug gegen Levanon geben.«
Unsinn. Herzog Mirash hatte keinen Blutzoll gezahlt. Er hatte seinen Angriff geplant wie ein Dilettant.
Sie zog das Zweigesicht ein Feld nach hinten, sah auf und fand die Blicke der drei Männer auf sich gerichtet. Die Stille dröhnte in ihren Ohren. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie ihren Gedanken laut ausgesprochen hatte.
»Ihr gründet Euer Urteil wohl auf die Figürchen da«, schnappte Mirash, dessen Brauen sich bedrohlich zusammengezogen hatten.
Ishabel ignorierte den beleidigenden Ton und das hektische Klopfen ihres Herzens. »Um das zu erkennen, brauche ich keine Figuren, Herzog. Ihr seid ein hervorragender Taktiker bei der Verteidigung Eurer Küsten. Würdet Ihr Euch auf das konzentrieren, was Ihr am besten könnt, dann hätte Levanon weit höhere Verluste zu beklagen. Leider glaubt Ihr, im Angriff allein läge Ehre. Aber so erfolgreich Ihr vor Euren Küsten operiert, so wenig versteht Ihr von der Auswahl der Ziele beim Angriff, von Nachschub und dem richtigen Zeitpunkt für einen Rückzug. Mein Vater tut gut daran, die Flotte in seiner Hand zu behalten.«
Ihr Vater starrte sie verblüfft an. Styebans Augenbrauen wanderten nach oben.
Mirash lief dunkelrot an. Er erhob sich von seinem Stuhl und beugte sich über den Tisch, als wollte er nach Ishabel greifen. Seine Stimme klang gepresst. »Königliche Majestät, von einer Frau, die noch nie im Leben ein Schwert gehalten hat, muss ich mir so etwas nicht sagen lassen. Nicht einmal, wenn diese Frau Eure Tochter ist.«
Auch der König schien das so zu sehen. »Ishabel, dein Platz ist in der Nische, nicht hier am Tisch. Du hast zu lauschen und zu schweigen. Ist das klar?«
»Aber …«
»Ist das klar?«
Nun stieg auch Ishabel die Zornesröte ins Gesicht.
»Jawohl, Majestät«, brachte sie heraus.
»Dann halte dich an meine Anweisungen.«
Damit wandte ihr Vater sich ab und führte die Diskussion fort, während Ishabel in der Nische an ihrer Wut zu ersticken drohte. Erst nachdem sie sich in mehreren Varianten vorgestellt hatte, wie Mirash an den Schandpfahl gekettet wurde, konnte sie dem Gespräch wieder folgen.
Gerade beugte sich der König vor und erklärte: »Ich habe mich entschieden. Wir werden die levanische Delegation empfangen.«
Mirash holte tief Luft. »Jahrelang haben sie meine Küsten verheert und jetzt soll ich ihnen in meinem eigenen Land die Hand reichen? Eher spucke ich ihnen ins Gesicht!«
»Das werdet Ihr nicht tun.« Die Stimme des Königs klang eisig.
»Entweder Ihr nehmt an den Verhandlungen teil wie die übrigen Herzöge, als Gast in meinem Palast. Oder Ihr zieht Euch nach Nepham zurück, bis die Delegation abgereist ist. Wählt selbst.«
Diesem Ton beugte sich sogar Mirash, registrierte Ishabel zufrieden und schob die Königsfigur nach vorn. Nicht einmal ein Herzog von Nepham durfte sich alles herausnehmen, selbst wenn er sich aufspielte, als wäre er und nicht Badoran der Herrscher Sabinons.
Styeban nutzte seine Chance. »Was wolltet Ihr auch tun? Die Delegation in ihren Betten ermorden? Wer jetzt an Angriff denkt …«
Doch nach der Niederlage von gerade eben ließ sich Mirash erst recht nicht von seinem Konkurrenten vorführen. »Das Einzige, was Levanon jemals interessiert hat, ist die Vernichtung seiner Gegner. Ihr seid ein Dummkopf, wenn ihr das nicht begreift.«
Ishabel versetzte dem Sturmhaupt einen Stoß, der es umkippte. Der echte Styeban verstummte, wie immer, wenn Mirash ihn abkanzelte oder eine Niederlage drohte. So wie im vergangenen Winter, als er mitten in der Epidemie mit einem Heiratsantrag an Ishabel herangetreten war.
Sie war vollkommen überrumpelt gewesen und hatte ihn mit ein paar hohlen Phrasen abgespeist.
Styeban hatte ihre Zurückweisung lächelnd und mit einer Verneigung zur Kenntnis genommen und nie wieder darüber gesprochen, als hätte er nichts anderes erwartet. Es hatte gewirkt, als ob er sich selbst nicht glaubte. Nein, als ob er einen Zug auf dem Spielbrett ausprobierte und die Taktik wechselte, sobald sie nicht den gewünschten Erfolg brachte. Man unterschätzte ihn viel zu schnell. Schon viel zu oft hatte er Ishabel im Cal-shòn besiegt, weil sie seine defensive Strategie für Schwäche gehalten hatte. Gegen Mirash dagegen verlor er im Rat jedes Rededuell. So gewann man kein Spiel, nicht vor dem Thron.
Vater konnte einem leidtun. Ein Großmaul und ein Intrigant waren seine wichtigsten Berater.
»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, mir zu widersprechen und Herzog Mirash zu beleidigen?«
Vaters beeindruckender Bauch drohte Ishabels Spieltisch umzuwerfen. Die Krankheit hatte ihn viel von seiner alten Stärke gekostet und in letzter Zeit quälten ihn immer häufiger Kopfschmerzen, aber seit einiger Zeit hatte er zumindest wieder den früheren Umfang.
Ishabel verzichtete darauf, den Medicus zu rufen. »Ist es tatsächlich bereits eine Beleidigung, wenn ich eine Einschätzung der Lage abgebe, noch dazu eine präzise?«
Der König schwieg, aber Ishabel hatte auch keine Antwort erwartet. Beide wussten, dass Mirash niemals von einer Frau einen Rat annehmen würde.
Badoran winkte dem Kammerdiener, Wein zu bringen. »Und? Was hast du beobachtet?«
»Das Gleiche wie immer. Styeban rät zu Verhandlungen, Mirash will nichts anderes als dreinschlagen.«
»Wundert es dich?«
»Ausnahmsweise nicht. Levanon war noch nie so schwach wie heute, das weckt Mirashs Gier. Er glaubt tatsächlich, er könnte alte Scharten auswetzen und seinem Feind eine Lektion erteilen. Da kommt ein Friedensangebot eher ungelegen.«
»Also sollten wir zu den Waffen greifen.« Vater verschränkte die Arme, sein übliches Signal für ein Rededuell. Überzeuge mich, forderte er oft, um dann den entgegengesetzten Standpunkt einzunehmen, ganz gleich, wofür sie argumentierte.
Also gut. Resolut räumte sie weitere weiße Figuren vom Spielbrett. »Zu welchen Waffen willst du denn greifen? Wie führt man Krieg ohne eine Armee?«
»Herzog Mirash hat eine starke Hausmacht – zu stark, denke ich manchmal. Es kann uns eigentlich nur recht sein, wenn er seine Männer gegen Levanon richtet und nicht gegen die Reste unserer Garde.«
Beinahe musste Ishabel lachen. »Ein Haufen Bauernjungen und Hirtensöhne? Bis er daraus etwas geformt hat, das den Namen Armee verdient, werden Monate, vielleicht Jahre vergehen. Wenn er sie jetzt in den Krieg schickt, kann er auch gleich die Gräber für sie ausheben lassen.«
Natürlich wusste Vater das. Nirgendwo hatte der Bluthusten so erbarmungslos gewütet wie in der Enge der Soldatenbaracken. In den Reihen der Königsgarde hier in Golàbine klafften riesige Lücken, aber Mirashs Armee hatte es noch viel schlimmer getroffen. Seine Soldaten, die vor Nepham lagerten, waren gestorben wie die Fliegen. Er hatte die Sache auf seine Weise gelöst und abgewartet, bis der Bluthusten sich seine Opfer geholt hatte. Dann hatte er die von der Seuche Verkrüppelten davongejagt und die Baracken bis auf die Grundmauern niederbrennen lassen. Anschließend waren seine Greifer durch die Dörfer gezogen und hatten jeden Mann, der eine Waffe halten konnte, in seine neue Armee gepresst, während die Ernte auf den Feldern verdorrte.
»Also sollen wir auf ihr Angebot eingehen und zusehen, wie Levanon in alter Stärke aufersteht?«, setzte der König seine Erprobung fort.
Ishabel griff in die Figurenschachtel. Mit fliegenden Händen baute sie eine neue Spielsituation auf. Die Schwarzen traten nur mit der Hälfte ihrer Offiziere gegen die weiße Festung an, doch auf der Seite der Weißen klafften noch größere Lücken. Kaum ein Offizier stand noch auf dem Feld und von den Schwertkämpfern und Lanzenträgern auch nicht mehr. Die Figuren reichten gerade aus, um die Festung zu verteidigen.
Sie deutete auf die Schwarzen. »Im vergangenen Jahr haben die Levanyi einander erbarmungsloser bekämpft, als wir das jemals tun könnten. Eine ideale Situation für einen Angriff, könnte man meinen.«
»Mirashs Worte.« Der König musterte ihre Aufstellung.
»Weil er nicht sehen will, wie es um uns selbst steht, Vater. Levanon hat vielleicht keine Offiziere, aber wir besitzen nicht einmal ein Heer.«
»Wir haben unsere Flotte.«
Ishabel lachte spöttisch. »Ja, die Galeeren der Krone möchte unser fabelhafter Mirash nur zu gern gegen Nuridor führen, nachdem er seine eigenen leichtfertig verspielt hat. Wir können von Glück reden, wenn Levanon nicht begreift, wie schwach wir tatsächlich sind. Nichts wäre ihnen lieber, als deine Haut ans Palasttor zu nageln.«
»Mirash sieht das ganz anders.«
Glaubte Vater etwa Mirashs Prahlereien? Ein erschreckender Gedanke. Nein, das musste eine weitere Prüfung sein.
»Er kann noch so laut mit den Stiefeln knallen, seine Armee steht noch schlechter da als unsere. Ich frage mich, Vater, wozu du überhaupt noch Beratungen abhältst. Kennst du die Phrasen deiner Berater nicht schon längst auswendig?«
Das beendete ihre Prüfung. »Gütige Götter, Ishabel, wir werden eine Delegation der Levanyi empfangen! In wenigen Tagen wird der Palast nicht nur von Herzögen überfließen, sondern auch von einer Bande Levanyi. Wie könnte ich in dieser Situation meine engsten Berater ignorieren?«
Ishabel schwieg. Auch sie beide kannten ihre Argumente auswendig.
»Außerdem binde ich sie an mich«, schob er unbeholfen nach.
»Nein, Vater. Du gibst ihrer Eitelkeit eine Bühne und merkst nicht, wie schwach dich das wirken lässt.«
Jetzt hatte sie ihn verärgert. »Zurück zu deinen Beobachtungen«, verlangte er frostig. »Was hast du noch gesehen?«
»Fuchs und Stier«, rutschte es ihr heraus. Er runzelte die Stirn und sie sprach eilig weiter.
»Mirash hält sich für ein militärisches Genie. Wenn du es ihm erlaubtest, würde er nicht nur deine Flotte nehmen, sondern auch die Königsgarde, und uns zu Tode siegen. Als Verbündeter ist er wichtig, als oberster Feldherr eine Gefahr für das Reich. Wenn er einen vermeintlichen Sieg vor Augen hat, kann man ihn kaum bändigen.«
Sie hielt inne, aber ihr Vater massierte lediglich seine Schläfen. Anscheinend quälten ihn die Schmerzen heute besonders. Abwesend bedeutete er ihr, fortzufahren.
Ishabel überlegte einen Moment. »Styeban hat es beinahe aufgegeben, seine Meinung zu vertreten. Für ihn wäre es gut, wenn jemand Mirash zurückhält, ohne ihn zu beleidigen.«
»Und wer sollte das deiner Meinung nach sein?«
»Die anderen Herzöge. Und ich.«
Badoran ignorierte ihren Vorschlag. »Du hast präzise beobachtet, deine Mutter hätte ähnlich geurteilt. Aber du hast etwas Wichtiges übersehen.«
Natürlich. Wie hatte sie auch annehmen können, ihr Vater würde auch nur ein einziges Mal einen Ratschlag von ihr annehmen? Ishabel spürte ihre Enttäuschung fast körperlich. Sie könnte ihn in vielem genauso gut beraten wie seine Herzöge – und er steckte sie in Mutters Nische und hieß sie Gesichtszüge zu studieren.
Sie schwieg. Ganz sicher würde sie ihm nicht den Gefallen tun, auch noch um Kritik zu betteln.
Der König griff sich eine der Figuren und drehte sie zwischen den Fingern. »Anders als du glaubst, denkt Styeban nicht an Rache. Er vesucht, den Herzog für ein paar Tage schlecht aussehen zu lassen, damit ich Mirashs Rat nicht zu schnell folge. Ich weiß es und er weiß, dass ich es weiß. Aber wie immer setzt er seine Figuren und beobachtet die Wirkung seiner Züge. In ein paar Tagen, wenn die Herzöge aus dem Süden anreisen, ist Mirash wieder in der Minderheit. Du wirst sehen, dass Styeban sich dann zurücknimmt.« Ishabel musterte ihn. »Genau so etwas solltest du mir viel häufiger beibringen.«
Die Miene ihres Vaters verfinsterte sich. »Ich brauche deine Beobachtungen, nicht deine Meinung. Ganz wie deine Mutter es gehalten hat.«
»Ich bin nicht wie Mutter.«
Gütige Götter, warum ärgerte sein Lob sie immer so? Ishabel kannte die Antwort. Mutter hatte ihr ganzes Leben lang nichts getan, als hier zu sitzen und Vater ihre Beobachtungen mitzuteilen.
Badorans Stimme klang scharf. »Niemand ist wie deine Mutter, Ishabel.«
Sie hätte es wissen müssen. Seit die Königin am Bluthusten gestorben war, hatte sie sich in Vaters Erinnerung in eine Heilige verwandelt. Ihr nachzueifern, musste das Lebensziel seiner Tochter sein, unausweichlich und gleichzeitig so unerreichbar wie die Sonne.
»Sagst du nicht immer, wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, Vater? Du hast recht, ich werde es niemals aushalten, still und folgsam im Erker zu sitzen.« Sie zögerte einen Moment. »Und du hast keinen Nachfolger.«
»Ich werde einen auswählen.« Vater klang gereizt.
Ishabels Wangen glühten. »Welch großartige Auswahl du doch hast! Zwischen einem Kriegstreiber, der nur auf deine Armee schielt, und einem Feigling mit spitzer Zunge. Unter deinen Gefolgsleuten gibt es nicht einen, der wie ein König denkt.«
Badoran schwieg und sie konnte fortfahren.
»Ich kann dir nicht nur zeigen, wo Mirashs Feldzug scheitern wird, sondern auch, wo er als König versagen würde. Setz jemand anderen an meinen Platz, um deine Herzöge auszuspähen, und bring mir endlich etwas Neues bei. Um der Liebe zu unserer Heimat willen, bring mir bei, wie man regiert!«
Sie hatte immer lauter gesprochen. Beim letzten Satz schlug sie mit der Hand auf den Tisch, so dass die Figuren auf dem Spielbrett durcheinanderrollten. Gütige Götter, sie wusste, dass sie das Richtige forderte.
»Regieren bedeutet mehr, als ein paar Figuren auf dem Spielbrett zu bewegen.«
Ishabel ignorierte die Zurückweisung. »Was ist, wenn dir etwas zustößt? Wenn dein Thron eines Tages leer steht?«
Der König erstarrte. Dann legte er mit einer kontrollierten Geste seine Hände auf das Tischchen.
»Auf dem Thron wird dein Ehemann sitzen. Deinen Brüdern hätten die Herzöge die Treue geschworen. Aber dir? Niemals. Du hast Mirash gehört.«
»Meine Brüder sind tot.« In ihrer Wut packte sie eine Spielfigur und schmetterte sie auf den Boden. »Tot! Ich lebe, Vater, aber du wirfst deinen Herzögen den Thron des Hauses Golàbine vor die Füße, als gäbe es kein Morgen.«
»Deine Mutter gab sich damit zufrieden –«
»Was ist, wenn Mutter genauso unglücklich war wie ich?«
Der Spieltisch zerbarst krachend an der Wand über ihr, Schwertkämpfer und Offiziere regneten auf sie herab. Ishabel schrie auf und schützte ihr Gesicht mit den Armen vor Steinsplittern und Spielfiguren. Gütige Götter, was war in ihren Vater gefahren?
Mit einem Wutschrei warf Badoran die Tischplatte dem Diener hinterher, der sich eilends hinter den Kabinettstisch flüchtete, und trat eine Spielfigur gegen die Wand, wo sie zersplitterte. Lange stand er da und wandte Ishabel den Rücken zu.
»Du wirst niemals wieder so über deine Mutter sprechen, hörst du? Niemals. Sie war die beste Königin, die beste Frau, die jemals …« Die Stimme versagte ihm und seine Schultern zuckten.
Das Weinen ihres Vaters erschreckte Ishabel mehr als sein Wutausbruch. Zum ersten Mal begriff sie, wie sehr Mutters Tod ihn getroffen hatte. Was blieb ihm in diesem Leben? Ein Reich, das der Bluthusten leergefegt hatte, eine Handvoll Herzöge, die auf seinen Thron schielten, und eine Tochter, die ihm nicht mehr gehorchte.
Und Ishabel würde ihm nicht mehr gehorchen, nicht einmal, wenn er mit dem Thronsessel nach ihr warf.
Badoran drehte sich mit geröteten Augen um. »Du glaubst also, du wärst etwas Besseres als deine Mutter.«
»Nein. Ich bin lediglich etwas anderes.«
In Badorans Gesicht zuckte es wie unter einer besonders schweren Schmerzattacke.
»Also gut, Königin Ishabel. Dann beweise mir, was du kannst. Du wirst an den Ratssitzungen teilnehmen. Erkläre du dem Rat, wie du mit Levanon zu verfahren gedenkst. Verweise du meine Herzöge in ihre Grenzen. Ich freue mich schon darauf, zu sehen, wie du Herzog Mirash an die Kandare nimmst.«
Ishabel richtete sich auf. Hatte er das wirklich gesagt? Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich ihrer.
»Vater, ich danke dir. Ich werde mich deiner würdig …«
»Unterdessen spreche ich mit Mirash. Meine Geduld ist am Ende. Sobald die Levanyi abgereist sind, wirst du ihn heiraten.«
»Nein.« Ishabel trat entsetzt einen Schritt zurück. Das konnte nicht wahr sein. »Nein. Du wirst mich nicht mit diesem – diesem Soldatenstiefel verheiraten. Du wirst das Reich nicht einem …«
»Du willst mir befehlen?«
»Nicht ihn.« Ein glühender Knoten zog sich in ihrem Bauch zusammen und unwillkürlich ballte sie die Fäuste. »Niemals. Eher stürze ich mich vom Palastfelsen.«
Sie wartete seine Antwort nicht ab. Vorbei an den Trümmern des Spieltischs rannte sie aus dem Kabinettssaal. Die großen Augen ihrer Zofe Ilya und der Hofdamen ignorierend, erreichte sie die Terrasse, die auf den Golàbine-Fjord hinabsah. Der heiße Wind des Sommermorgens packte ihre Haare und zerriss die kunstvollen Zöpfe, die Ilya hineingeflochten hatte.
Die Brüstung trug noch Reste der Nachtkühle in sich. Ishabels Finger fanden blind die vertrauten Kerben und Scharten. Auf der Geschützbatterie unter ihr kauerten die Wurfmaschinen wie erstarrte Fabeltiere.
»Königliche Hoheit …?«, ertönte die Stimme der Zofe hinter ihr. Mit einer herrischen Handbewegung schickte Ishabel sie fort. Sie brauchte wenigstens einen einzigen Moment Ruhe vor allen, die etwas von ihr wollten.
Allmählich beruhigte sich ihr Atem und die Wut vernebelte ihr nicht mehr den Blick.
Von hier aus sahen die Magazine am Hafen, die Golàbine reich gemacht hatten, kleiner als Schmuckschatullen aus, die Paläste der Kaufleute wirkten wie zierliche Puderdosen und die Schiffe, die fast senkrecht unter ihr den Palast passierten, hätten auf ihrem kleinen Finger Platz gefunden.
Golàbine die Goldene, die größte Stadt des Inselrundes. Golàbine, die den Bluthusten abgeschüttelt hatte wie Ishabel die Erinnerung an ihre Brüder, und auferstanden war in ihrer alten Pracht. Und all das sollte Mirash in die Hände fallen? Er würde die Warenlager gegen Kasernen tauschen, die Paläste gegen Festungen, und Golàbines Herrlichkeit vergeuden in nutzlosen Angriffen gegen Levanon.
»Niemals«, flüsterte sie. »Er bekommt dich nicht. Das lasse ich nicht zu, ich schwöre es.«
»Ishabel.« Die Stimme ihres Vaters ließ sie herumfahren. Er lehnte sich neben ihr an die Balustrade. »In einer Sache hast du recht. Wir warten schon zu lange. Der Umsturz in Levanon beunruhigt das Volk. Die Leute wollen wissen, was die Zukunft ihnen bringt.«
»Dann präsentiere ihnen die zukünftige Königin«, fuhr sie auf. »Zeig ihnen, wer sie regieren wird, wenn du einmal nicht mehr bist.«
Doch Badoran ging nicht auf die Herausforderung ein. »Es wird keine Königin geben, Ishabel. Das ist mein letztes Wort. Ich werde ihnen den Mann zeigen, der mir auf den Thron folgen wird, sobald die Levanyi abgereist sind.«
»Nein, Vater.« Tränen schwammen in ihren Augen. Sie ballte die Fäuste, bis ihre Nägel ins Fleisch bissen. Niemals mehr weinen, das hatte sie sich vor langer Zeit geschworen. »Du zeigst ihnen den Mann, an den du den Thron verschleuderst, und denkst, du könntest das Volk mit einer Posse zufriedenstellen.«
Den Blick, den er ihr zuwarf, konnte Ishabel nicht deuten. Darin lag weder Angst noch Zorn, sondern etwas Unbestimmtes, das ihn so unerbittlich von ihr wegzog, als hätte er Angst und Zorn schon lange hinter sich gelassen.
Wortlos wandte sich der König ab und ließ sie mit ihrem inneren Aufruhr allein.
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