schreibt Fantasy

Leseprobe Band 6: Kapitel 1 – Landung

© by Michael Knabe
Wird im Hybrid Verlag erscheinen

Shevon al Yontar tastete sich unter dem Segel der schwankenden Galeere hindurch und spähte den Bug entlang aufs Meer, wo sich Dutzende kleinerer Biremen vorankämpften. Längst war das Königreich Soloa hinter ihnen am Horizont verschwunden und vor den Schiffen begann sich Gvinedra aus dem Dunst zu schälen. Zwischen den Segeln konnte Shevon die Küstenlinie erahnen.
Die Unruhe, die ihn schon sein halbes Leben lang antrieb, wuchs mit jedem Augenblick. Dieses Mal trieb sie ihn nicht voran, stattdessen verwandelte sie sich in Unsicherheit und die Ahnung von Tod und Gefahr. In Gvinedras Hafenfestung warteten bis an die Zähne bewaffnete Soldaten des levanischen Diktators Regul darauf, ihn und seine Armee zu vernichten. Daran änderte auch sein finsterer Gefolgsmann nichts, der förmlich an seiner Seite klebte. Rond hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet, aber was sollte ein Einarmiger gegen eine levanische Legion oder die Assassinen des levanischen Diktators ausrichten?
Dabei würde Shevon jeden Schutz benötigen, den er bekommen konnte. In dieser letzten großen Partie gegen Diktator Regul zog er nicht wie sonst die Figuren im großen Spiel um die Macht, sondern stand selbst auf dem Brett.

Shevon al Yontar. Sohn eines Senators, geflohener Sklave, von Levanon im ganzen Inselrund gesuchter Flüchtling – und nun Kriegsherr. Beinahe hätte er gelacht. Gab es in der ganzen verrückten Welt jemanden, der für die Rolle weniger geeignet war als er selbst? Auch wenn er das Königreich Soloa vor Diktator Reguls Truppen gerettet hatte, er blieb ein Zivilist.

Während er noch nach Halt auf dem schwankenden Deck suchte, schlug der Wind um und das Segel hinter ihm begann zu flattern. Auf einen Befehl des soloanischen Flottenadmirals Drayo ser Gandu refften die Matrosen das Segel und einer von ihnen zog eine Signalflagge am Mast empor. Mit dumpfem Rumpeln senkten sich die Ruder für die schweißtreibende letzte Etappe ins Meer. Die Besatzungen der übrigen Biremen folgten ihrem Beispiel.

Admiral Drayo trat neben ihn und beschattete die Augen mit der Hand. »Diktator Reguls Männer sind gut ausgebildet, das muss man ihnen lassen. An Präzision und Eleganz mangelt es ihnen freilich sehr.« Er machte sich nicht die Mühe, Levanisch zu sprechen.
Shevon verdrehte innerlich die Augen. Könnte er wählen, dann stünde sicher nicht der Befehlshaber neben ihm, der seine eigenen Schiffe gegen eben diese Flotte verloren hatte.
Der Admiral schien Shevons Zweifel zu spüren. »Wir werden siegen«, erklärte er mit gepresster Stimme, kniff die Augen zusammen und wandte sich an den Matrosen im Ausguck, nun auf Levanisch: »Was melden die Späher?«
»Der Feind schickt seine Galeeren gegen uns aus, Admiral. Allerdings sind es nur vier oder fünf kleine.«
Der Admiral wandte sich Shevon zu. »Seht Ihr? Wie von mir prophezeit hatten sie nicht ausreichend Zeit, sich auf unseren Angriff vorzubereiten. Wir werden sie einfach überrennen.«
»Keine Zeit?«, echote Shevon verblüfft. »Seit mindestens einem Mondlauf erwarten sie uns, darauf könnt Ihr Euch verlassen.«
Was das bedeutete, wusste er. Noch vor dem Abend würden viele Männer sterben. Eine brutale Schlacht wartete auf sie, in der levanische Legionen im Bruderkampf aufeinander losgingen.
»Wenn Ihr einen Überraschungsangriff wollt, warum rückt Ihr dann so spät aus?«, versetzte Drayo mit Empörung in der Stimme.
Shevon entgegnete nichts. Seine eigenen Pläne würde er einem Offizier von zweifelhafter Qualität nicht auf die Nase binden.
Auch der Admiral schwieg. Zorn und Kränkung strahlten von ihm aus wie die Hitze von einem Brennofen.

»Kommen die feindlichen Boote auf uns zu?«, rief Shevon dem Ausguck zu. Die Unruhe ergriff erneut von ihm Besitz. Die Festung Gvinedra stellte den stärksten Außenposten Levanons in diesem Teil des Inselrundes dar. Der Befehlshaber würde nicht nur mit ein paar Booten auf einen Großangriff reagieren.
Der Admiral rief ein paar knappe Befehle und weitere Flaggen stiegen am Mast empor. Es dauerte einige Zeit, bis die Antwort von vorn signalisiert wurde. »Nein, Graf«, antwortete der Ausguck schließlich. »Sie warten in der Hafeneinfahrt.«
Shevons Unruhe verstärkte sich weiter. Er versuchte sich die Gefechtssituation vorzustellen, wie ein Seefalke sie sehen würde. Die Hafeneinfahrt war vermutlich eher flach und von den Mauern der Stadt aus konnte man sie mit Wurfmaschinen beschießen. Wenn auch nur ein einziges Schiff in der Einfahrt sank …
»Brecht den Angriff ab!«, befahl er. »Macht die Wurfmaschinen auf den vordersten Schiffen bereit und versenkt die gegnerischen Galeeren, aber nicht, ohne sie zuvor aus dem Hafen zu locken!«
»Wir sollen … Graf?«
»Brecht den Angriff ab, verdammt!« Shevon fixierte den konsternierten Admiral. »Das ist eine Falle. Vermutlich lassen sie ihre ältesten Schiffe in der Hafeneinfahrt versenken und blockieren so den Zugang.«

»Aber …«
»Blutige Götter, Angriff abbrechen! Jetzt!« Shevon brüllte beinahe.
Der Admiral salutierte fast beleidigend langsam und wandte sich in aller Ruhe zu seiner Flaggenmannschaft um. »Angriff stoppen.«Beinahe hätte Shevon die Handbewegung übersehen, die seine Leute zur Ruhe aufforderte.
»Keine Verzögerung!«, ging er dazwischen. »Die Signalflagge hoch, sofort!«
Verunsichert sahen die Matrosen den Admiral an, der mit verkniffenem Mund nickte. Wenig später stiegen drei Wimpel empor.
»Zu spät«, bemerkte der Admiral wenig später. »Die ersten Boote haben den Gegner fast erreicht.« Zufriedenheit schwang in seiner Stimme mit.
Fieberhaft überlegte Shevon. »Seht Ihr Landeplätze unmittelbar neben der Stadt und dem Hafen?«
»Ja, Herr. Nördlich der Stadt … Augenblick, da kommt Nachricht von vorn!«
Atemlos wartete Shevon.
Als der Matrose sich wieder meldete, klang seine Stimme tonlos. »Die feindlichen Galeeren wurden versenkt. Dabei haben sie zwei unserer Schiffe mit in die Tiefe gezogen. Der Hafen ist blockiert.«

»Sofort abdrehen!«, rief Shevon so laut, dass seine Stimme überschnappte. »Landung nördlich der Stadt am Strand mit geladenen Katapulten. Bei Angriff von Land Abfeuern von Ketten und Eisenschrot auf den Dünenkamm. Das ist ein Befehl!«
Der Matrose am Korb mit den Signalflaggen warf einen zögerlichen Blick auf seinen Befehlshaber.
Dieser musterte Shevon mit abfälligem Gesichtsausdruck. »Was versteht ein Zivilist von Seekriegsführung? Hörte ich nicht, dass Ihr diese Flotte bei einer Wette gewonnen habt?«
Shevon stellte sich dicht vor ihm auf. »Das ist ein Befehl«, wiederholte er. »Eure eigenen Schiffe habt Ihr bereits verloren. Ich werde nicht zulassen, dass Ihr auch noch meine vergeudet.«
»Das ist …« fuhr der Admiral mit wutrotem Gesicht auf, als jemand ihm von hinten den Arm um den Hals legte. Eine Messerklinge schabte an seiner Schlagader.
»Du gibst Befehl, du lebst«, knurrte jemand hinter ihm. »Du machst langsam, bist Futter für Fische.«
Mit einem Ausdruck völliger Verblüffung starrte der Admiral Shevon an. »Euer Gefolgsmann beginnt eine Meuterei – und Ihr seht einfach zu?«
»Ihr täuscht Euch.« Eine Mischung aus Hilflosigkeit und rasender Wut drückte Shevon die Kehle zu und ließ seine Worte nur als heiseres Flüstern hervorkommen. »Mein Gefolgsmann begeht keine Meuterei, er beendet sie. Seine letzten Gegner waren übrigens schneller tot, als sie nach ihrer Mutter schreien konnten.« Er räusperte sich, um seiner Stimme mehr Festigkeit zu verleihen. »Das ist mein Krieg und meine Flotte. Verweigert Ihr mir noch ein einziges Mal den Befehl, lasse ich Euch ohne Umstände vom Schiff werfen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«
Drayo nickte vorsichtig und signalisierte mit einer hektischen Armbewegung, Shevons Befehl weiterzugeben. Eine Kette aus Wimpeln stieg am Mast empor. Erst nach einer Ewigkeit drehten die Schiffe vor ihnen ab und hielten auf den Strand nördlich der Festung zu. Erst jetzt zog Rond das Messer zurück und brachte sich mit einer Drehung außerhalb der Reichweite zweier Matrosen, die hinter ihm lauerten, sichtlich hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Hass auf ihren Befehlshaber.
Der Admiral trat zwei Schritte zurück und griff mit hasserfüllter Miene nach seinem Schwert.
Fassungslos verfolgte Shevon den Konflikt. Der überhebliche Idiot vor ihm drohte die Mission scheitern zu lassen, noch ehe sie begonnen hatte!
Mit einem energischen Schritt trat er zwischen Drayo und Rond. »Zieht die Waffe, Admiral, und Ihr verwirkt Euer Leben, das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« Etwas kontrollierter fügte er hinzu: »Mit jedem Augenblick sehe ich klarer, warum Soloa seine Flotte eingebüßt hat.«

»Nachricht von vorn«, rief der Matrose von oben. »Vier Schiffe sind verloren. Der Hafen ist unpassierbar und sie beschießen die Flotte von den Mauern mit Katapulten.«
Mit zusammengebissenem Kiefer löste der Admiral die Hand von der Waffe. »Ganz wie Ihr wünscht, Levany.« Er betonte das letzte Wort, so dass es wie eine Beschimpfung klang.

***

Ein Offizier in der ersten Reihe bewies Verstand und schickte Galeeren ohne Rammsporn vor, die ohne Widerstand auf den Strand auffuhren. Augenblicklich sprangen die Soldaten von Bord und formierten sich zu ihrem berüchtigten Schildpanzer. Shevon nahm sich vor, herauszufinden, wie der Befehlshaber hieß. Er brauchte dringend Männer, die selbständig denken konnten, ohne gleich den ganzen Plan zu gefährden.

Wie vorausgesehen erhob sich hinter den Dünen eine Reihe Bogenschützen und deckte die Landungstruppen mit einem Pfeilhagel ein. Shevon konnte die todbringende Wolke nur erahnen, aber die Schreie der Getroffenen und das Wutgebrüll ihrer Kameraden drangen ebenso durch den Lärm der Brandung wie das Knallen der abgefeuerten Katapulte am Bug der Landungsschiffe. Die stachelbewehrten Eisenketten, die sie abfeuerten, zerfetzten den Dünenkamm und rissen die Schützen, die sich nicht schnell genug in Sicherheit brachten, erbarmungslos mit. Überraschungsrufe und die Schreie der Verletzten hinter dem Kamm drangen bis zu den Schiffen. Innerhalb kürzester Zeit fiel der feindliche Beschuss in sich zusammen. Erst jetzt setzten auch die übrigen Truppentransporter auf dem Strand auf. In kürzester Zeit formierten sich Einheiten, die unter dem Schutz ihrer Schilde vorrückten. Hölzerne Planken mit Querlatten wurden ausgeworfen, um den Sturm auf die rutschigen Dünen zu erleichtern. Eine andere Gruppe entlud Zugpferde und schwere Wagen mit klobigen Holzscheiben als Rädern. Sobald Shevons Soldaten die Dünen erobert hatten, würde man sie ans feste Land ziehen und Belagerungsmaschinen darauf montieren.

»Es ist immer das Gleiche, nicht wahr?«, erklang eine Frauenstimme hinter Shevon und Gräfin Gayba ser Rugoth lehnte sich neben ihm an die Reling. »Wut, Angst, Gebrüll und Berge von Leichen, damit mächtige Männer von noch mehr Macht träumen können.«
»Ich würde Euch nur allzu gern widersprechen, Gräfin. Solange Männer wie Regul al Gired im Inselrund herrschen …«
»… und solange Männer wie Shevon al Yontar sich von ihren Gegnern Armeen schenken lassen, um das Gleiche zu tun …«
Trotz seiner Anspannung musste Shevon lachen. »Gut gekontert, Gräfin. Ja, auch ich bin einer von ihnen, selbst wenn ich mich gerade nicht als Diktator sehe.«
»Wohl eher als Spieler und Stratege, nehme ich an.« Sie deutete auf den schwarzen Flügelboten, den er wieder einmal in der Hand hielt, das letzte Erinnerungsstück an sein Elternhaus. Einem Flügel der Spielfigur fehlte mittlerweile die untere Hälfte, an den Kanten platzte die Farbe ab und ließ die Figur so schäbig aussehen wie ein Stück Abfall.
Gedankenverloren drehte er sie zwischen den Fingern und sah schließlich wieder Gräfin Gayba an. »Flüchtling. Spieler. Bankbesitzer. Feldherr. Ich muss in viele Rollen schlüpfen, um ans Ziel zu kommen.«
Sie neigte spöttisch den Kopf, doch ihr Lächeln blieb aus. »Macht euch nichts vor, Graf Shevon. Ein Spieler bleibt Ihr, ganz gleich, welches Gewand Ihr überstreift. Nur dass die Figuren, die Ihr übers Spielfeld zieht, bluten und sterben.«
»Und was sollte ich sonst tun?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Strategische Ratschläge kann ich Euch leider nicht geben. Ich sehe es eher als meine Aufgabe, Euch hin und wieder an Eure Menschlichkeit zu erinnern. Immer wenn Ihr die Figur da haltet, scheint etwas davon zu verschwinden.«
Gräfin Gaybas Worte versetzten ihm einen Stich. Wusste sie, dass sie mit ihren Worten ins Zentrum seiner Selbstzweifel stach oder sprach sie aus ihrer eigenen Verletzung heraus? Ihr Verlobter war im Krieg um Soloa ums Leben gekommen, als er versucht hatte, sie vor den Angreifern zu retten.

Ohne zu antworten, verfolgte er weiter den Angriff. Der Strand lag nur noch ein paar Steinwürfe entfernt und durch eine Lücke zwischen den Landungsschiffen sah man, wie sich eine Abteilung Infanteristen die Dünen hinauf kämpfte. Die Katapulte mussten schweigen, um die eigenen Leute nicht zu gefährden. Prompt erschien am Kamm eine Front gegnerischer Soldaten und griff Shevons Männer mit Wurfspießen und Lanzen an. Gegen die Infanteristen, die im rutschigen Sand kaum vorankamen, hatten sie ein leichtes Spiel und nach kurzer Zeit lagen die Angreifer tot im Sand.
Als hätten sie nur darauf gewartet, feuerten die Katapultschützen die nächste Salve ab. Kaum einer der Verteidiger erreichte den rettenden Dünenkamm.
Atemlos verfolgte Shevon die Kämpfe. Nun schüttelte er sich unwillkürlich.
»Ihr habt recht, Gräfin«, gab er zu. »Wut, Angst, Gebrüll und Berge von Leichen. Es ist immer das Gleiche.«
Seine Worte gingen ins Leere. Gräfin Gayba war verschwunden.

Es dauerte Stunden, bis die feindlichen Stellungen gestürmt waren. Mit einer Mischung aus Respekt und freundlichem Spott halfen ihm zwei Soldaten von Bord und eskortierten ihn über den Strand, wo die ersten Leichen den Weg säumten. Rond folgte ihm wie ein Schatten.
Shevon zwang sich, in jedes erstarrte Gesicht zu sehen. Im Stillen sprach er ihnen Dank für ihr Opfer aus. Weit hinten im seinem Kopf beschimpfte ihn Dala, die ehemalige Sklavin seiner Tante, aufs Wüsteste.
Sie hatte recht: Immer starben andere für ihn.

»Und nun? Was gedenkt der levanische Feldherr zu tun?« Admiral Drayos Stimme erinnerte an das Schleifen einer Steinsäge.
»Nun erobern wir Gvinedra«, erwiderte Shevon abwesend, riss sich vom Anblick der Leichen los und ließ den Admiral stehen. Er winkte einen Läufer zu sich, der wenige Schritte entfernt wartete.
»Berichte!«
»Sehr wohl, Legat.« Der Mann salutierte. »Die Dünen wurden mit geringen Verlusten überrannt. Der Feind zieht sich in Richtung der Stadt zurück. Zwei Zenturien verfolgen sie und machen Gefangene, wenn möglich.«
»Sie sollen außerhalb der Reichweite der gegnerischen Wurfmaschinen Halt machen und sich bei Gegenangriffen sofort zurückziehen, bis sie ihren Verfolgern zahlenmäßig überlegen sind.«
»Sehr wohl, Legat. Tribun Streban hat das bereits befohlen. Er lädt Euch ein, die nächsten Schritte mit ihm zu …«
»Streban?«, unterbrach ihn Drayo entrüstet. »Dieser Emporkömmling hat keine Ahnung von geordneter Kriegführung! Seine Ausbildung …«
»Wie viele Soldaten haben wir verloren?«, fragte Shevon den Läufer, ohne den Admiral zu beachten. Jemand musste Drayo Einhalt gebieten, bevor er sich endgültig als oberster Heerführer aufspielte.
»Achtundvierzig, Legat.«
Shevon drehte sich zu dem solanischen Offizier um. »Wie viel Mann Besatzung befanden sich auf den gesunkenen Galeeren?«
»Das ist doch …«
»Wie viele?« Mit größter Mühe unterdrückte Shevon seine Wut. Am liebsten hätte er den Admiral geohrfeigt.
»Hundertvierundvierzig«, antwortete Drayo mit gepresster Stimme. »Aber …«
»Aha.« Shevon stellte sich vor ihm auf. »Das bedeutet, Admiral, dass Ihr hundertvierundvierzig Männer und vier Schiffe verloren habt. Welchen Erfolg könnt Ihr mir dafür vorweisen, Admiral?«
Drayo schwieg.
Shevon antwortete für ihn: »Keinen, Admiral. Um einen Zivilisten vorzuführen, habt Ihr hundertvierundvierzig Soldaten in den Tod geschickt, ohne auch nur einen einzigen an Land zu bringen. Wollt Ihr mir erzählen, dass Tribun Streban keine Ahnung hat?«
»Er hat keinerlei formelle Ausbildung.«
»Den Göttern sei es gedankt!« Jetzt brüllte Shevon doch. »Wenn das die Ergebnisse Eurer ›formellen Ausbildung‹ sind, verzichte ich darauf!«
Drayos Gesicht verfinsterte sich. »Wollt Ihr damit sagen, dass …«
»Ich will damit sagen, dass ich Euch aus dem Dienst entlasse.« Shevon hielt dem fassungslosen Blick seines Gegners stand. »Sobald wir hier aufgeräumt haben, wird ein Schiff Euch zurück nach Soloa bringen. Ob Ihr dort Wein anbaut oder König Gubio mit Euren nichtsnutzigen Empfehlungen in den Ohren liegt, dürft Ihr ganz allein entscheiden. Ich werde keinen einzigen Mann mehr unter Euren Befehl stellen.«

Er konnte den Moment sehen, in dem der Admiral einknickte und das wütende Funkeln in seinen Augen der Erkenntnis wich, dass er gerade seine einzige Chance auf Rehabilitation vertan hatte.

***

Neugierig geworden? Der sechste Band der Flüchtlings-Chroniken wird ebenso wie seine Vorgänger beim Hybrid Verlag erscheinen.