schreibt Fantasy

Abstrakt


Dass Großkritiker Sudelmann ein so aufsehenerregendes wie skandalöses Ende nehmen würde, hatten viele erwartet, seit er am Rande der von ihm so geschätzten Frankfurter Buchmesse angekündigt hatte, er werde seinen letzten Tagen nicht hilflos stammelnd im Pflegeheim entgegen sehen, sondern für einen Abgang sorgen, der seiner Karriere einen ebenso kontroversen wie glänzenden Schlusspunkt hinzufügte. Dagegen hatte er wohl nicht erwartet, dass ein anderer diese Pläne für ihn ins Werk setzen würde und die Stunden und Tage nach seinem Tod mehr durch flackerndes Blaulicht und fehlernährte Kriminalkommissare geprägt sein würden.


Sudelmanns Ende wird auf immer untrennbar mit seiner letzten Buchbesprechung verbunden sein. Wie so oft hatte er ins Dunkel der unbekannten Bücher gegriffen, und wieder einmal zeigte sich das Werk, das er dem drohenden Vergessen und der Gleichgültigkeit der Buchkäufer entriss, als das Opus eines schreibstubenbleichen Grottenolms, der umfassende literarische Bildung mit rastloser Lesewut und schöpferischem Drang kombinierte und es fertig brachte, auf achthundert Seiten siebentausendvierhundertachtundzwanzig Hommagen an andere historische Genies und zeitgenössische verkannte Geistesgrößen unterzubringen. Sudelmann, der sich seit zwei Jahren widerwillig mit dem Phänomen „Internet“ befasst hatte, seit man seine mitternächtliche Sendung im Kulturkanal gestrichen hatte, besprach seither Neuentdeckungen in einem trüben Nebenarm eines globalen Anbieters privater Videoaufnahmen jämmerlicher Qualität und wandte sich an eine stetig wachsende Gemeinde literarisch Interessierter, die am Tag nach der Sendung ihre lokalen Buchhändler aufsuchten, um das besprochene Werk auf die genannten Hommagen durchzuarbeiten.


Sudelmann wusste freilich nicht, dass auch Hartwig Betton seiner Sendung folgte, allerdings nicht mit der quasi-religiösen Inbrunst, die Sudelmanns Jünger normalerweise auszeichnete, sondern mit wachsendem Zorn.


Dieses Mal also: K. S. Skribler. Auch einer dieser armen Poeten, deren Regenschirm über dem Bett in der Dachkammer man beim Lesen förmlich vor sich sah. Mit anderen Worten: Grottenolm. Skribler hatte achthundert Seiten vollgekritzelt (so sah es zumindest Hartwig Betton) mit unverständlichen Nicht-Zitaten, dunklen Andeutungen größerer Zusammenhänge, die kein Mensch jemals entziffern würde, zumindest nicht Hartwig Betton. Wo blieb da die Geschichte? Wozu achthundert Seiten, wenn zum Kuckuck einfach nichts passierte?


Grimmig erinnerte sich Hartwig Betton an das anerkennende Lächeln des Buchhändlers, der seit Jahren zwischen seinen Bänden vertrocknete. Wie gern hätte er dem Mann gesagt, was er tatsächlich von dem Schund hielt, den er da jede Woche aus der unscheinbaren Papiergruft abschleppte. Weit ärgerlicher aber war, dass eine gefeierte Größe wie Sudelmann solchen Müll, durch seine Besprechung geadelt, in großen Stückzahlen in den Umlauf brachte.


Nun könnte man einwenden, dass niemand Hartwig Betton zwang, diese Machwerke krankhaft verbildeter Geister überhaupt zu kaufen. Diesen Einwand hatte er sich sogar selbst gestellt, um im nächsten Atemzug zu antworten: Irgend jemand muss doch kritische Distanz halten.


Mit der kritischen Distanz war es nun vorbei. Nachdem er sich gezwungen hatte, die achthundert Seiten zumindest zu überfliegen und nicht eine der so spitzfindig besprochenen Andeutungen überhaupt gefunden hatte, überkam Hartwig Betton ein heiliger Zorn. Das sollte, das musste ein Ende haben! Und so kam es, dass er am Folgeabend dem gefeierten Kritiker vor seiner Haustür auflauerte, ihn mit vorgehaltenem Messer zum Betreten der Wohnung zwang und ihn dort ohne Federlesens mit eben jenem Messer ermordete. Dann tauchte Hartwig Betton den eigens mitgebrachten Pinsel in das Blut des Kritikers und schrieb, nachdem er ein für ihn unverständliches Kunstwerk von der Wand genommen hatte, in blutroten Lettern an diese Wand:

»
Abstrakt ist scheiße.«